Archiv der Kategorie: Fachjournalismus

Urteil: Informationsfreiheitsgesetz gilt auch für den Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages

(jm)
Der Anspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG) gilt auch für Ausarbeitungen der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages. Dies hat die 2. Kammer des Berliner Verwaltungsgerichts am 1. Dezember 2011 entschieden (VG 2 K 91.11).

Der Deutsche Bundestag hatte einen Antrag auf Informationszugang zu Unterlagen des Wissenschaftlichen Dienstes zunächst mit der Begründung abgelehnt, das IFG sei auf den Deutschen Bundestag nur anwendbar, soweit er öffentlich-rechtliche Verwaltungsaufgaben wahrnehme. Die Zuarbeit der Wissenschaftlichen Dienste sei der Mandatsausübung der Abgeordneten zuzurechnen und daher als Wahrnehmung parlamentarischer Angelegenheiten vom Informationszugang ausgenommen. Im Übrigen gelte für die Arbeiten des Wissenschaftlichen Dienstes der Schutz geistigen Eigentums.

Information und Wissen als Arbeitsgrundlage

Das Verwaltungsgericht Berlin ist dieser Ansicht des Deutschen Bundestages nicht gefolgt und hat der Klage stattgegeben. Die Aufgabe des Parlamentes bestehe im Wesentlichen in der Gesetzgebung und der Kontrolle der Regierung. Dazu gehöre nicht die Arbeit des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, da dieser lediglich Fragen der Abgeordneten beantworte und Gutachten erstelle. Diese Vermittlung von Information und Wissen bilde zwar die Grundlage für die parlamentarische Arbeit der Abgeordneten, sei aber nicht selbst als eigentliche parlamentarische Arbeit anzusehen, urteilte das Verwaltungsgericht.

Mit dem Urteil ist nunmehr klargestellt, dass der Wissenschaftliche Dienst juristisch dem Verwaltungsbereich des Bundes zugeordnet werden muss und nicht der Mandatsausübung der Abgeordneten, welche nach wie vor vom Geltungsbereich des IFG ausgeklammert bleibt.

Abgeordnete suchen nach extraterrestrischen Lebensformen

Fragt man nach möglichen Motiven für die strikte Verweigerungshaltung des Deutschen Bundestages, genügt ein erster Blick auf den Namen der Abhandlung, welche der Kläger begehrt hatte: Die 10-seitige formale Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes trägt den Namen »Die Suche nach außerirdischem Leben und die Umsetzung der VN-Resolution A/33/426 zur Beobachtung unidentifizierter Flugobjekte und extraterrestrischen Lebensformen«, im Auftrag des Deutschen Bundestages verfasst von einem Physiker und einem Politologen – und natürlich bezahlt vom deutschen Steuerzahler. Wundert es Sie, dass Sie darüber nichts in den Mainstream-Medien gehört haben …?

Das Verwaltungsgericht Berlin hat wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Klage die Berufung beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zugelassen.

Den Volltext des Urteils finden Sie hier.

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Von Reputationswaschanlagen und Diskreditierungsplattformen

(jm)
Insider wissen es seit Jahren: International agierende Lobbyisten und ihre PR-Agenturen betreiben im Auftrag finanzkräftiger Kunden auf zunehmend globalem Niveau »digitale Rufwäsche« – und das mit allen nur denkbaren Mitteln. Dabei geht es nicht nur um klassische Pressearbeit, kosmetische Imagepolitur und die legale Trickkiste der Suchmaschinenoptimierung. Neben machtpolitischen Einflussnahmen geht es nicht minder auch um das bewusst wahrheitswidrige Verfälschen von Wikipedia-Artikeln, um das bewusst wahrheitswidrige Schaffen angeblich »zuverlässiger« neuer Quellen sowie um das strategische Diskreditieren von investigativen Journalisten, Bloggern und Wissenschaftlern, die zu Recht auf Missstände oder noch unberücksichtigte Fakten aufmerksam machen (z.B. als »Spinner«, »Radikale«, »Fanatiker«, »Pseudowissenschaftler«).

In einem aktuellen Fall war die englische PR- und Lobbyagentur Bell Pottinger auf vermeintliche Anfrage der Regierung Usbekistans bereit, ihre »dunklen Künste« im Kundenauftrag einzusetzen: »We’ve got all sorts of dark arts.« Eine Selbstanpreisung jedoch, die Bell Pottinger im Nachgang übel aufstieß: Bei den vermeintlichen Abgesandten der usbekischen Regierung handelte es sich um investigative Journalisten, die die PR-technische »Tätigkeitsbeschreibung« der Agentur – d.h. ihren manipulativen »Umgang« mit missliebigen Quellen und Fakten – mit versteckter Kamera mitfilmten.

Artikel zum Thema finden Sie beispielsweise hier: The Bureau of Investigative Journalism, heise online, taz, ZEIT online, The Independent

Der tägliche Bezug zum persönlichen und zum organisationalen Informations- und Wissensmanagement liegt damit auf der Hand: Woher wissen Sie das, was Sie über eine Person, ein Land oder einen Sachverhalt zu »wissen« glauben? Aus den »unabhängigen, seriösen Medien«? Welche sind das genau? Angesichts stark gedeckelter Recherchebudgets – nicht nur bei Verlagen, sondern auch bei Nachrichtenagenturen – wird nicht zuletzt der traditionell um größtmögliche Objektivität bemühte Agenturjournalismus schnell zum unkritischen »Verlautbarungsjournalismus« für finanzstarke Lobbyinteressen.

Immaterielle Vermögenswerte im Journalismus

Erst nach und nach besinnen sich jetzt größere Medienunternehmen wieder auf ihre ursprünglichen und eigentlichen Werte, sozusagen ihre unterbewerteten »immateriellen Vermögenswerte«: Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit, Faktentreue – und gründen wieder eigene Teams für investigative Recherche, die zuvor den vermeintlichen bilanziellen und kostenrechnerischen Sparzwängen weichen mussten.

In dem Maße, wie Leser enttäuscht auf allzu lobbyfreundlichen Verlautbarungsjournalismus reagierten und »mit den Füßen abstimmten«, muss mit Mühe nun personell, sozial und strukturell wieder aufgebaut werden, was man im Interesse höherer Rendite leichtfertig entsorgen zu können glaubte: investigative, recherchierende, faktentreu berichtende Journalisten.

Und in dem Maße, wie infolge eines Entgrenzungsprozesses vormalige Nur-Leser rollenerweiternd selber auch zu Schreibern wurden (und werden), gerieten (und geraten) Berufsjournalisten unter handfesten existentiellen Rechtfertigungsdruck, denn: zum geistlosen Abtippen und Wiederkäuen mundgerecht vorportionierter Pressesprecherverlautbarungen braucht man wohl weder »Qualitätsjournalisten« noch »Qualitätsmedien«.

Ein Beleg mehr, dass auch in den Medien die traditionell retrospektiven Methoden der Unternehmensbewertung und -steuerung mehr denn je eine Ergänzung durch zukunftsorientierte, evaluationsbasierte Bewertungsmethoden benötigen, welche speziell die immateriellen Erfolgsfaktoren einer Organisation untersuchen und hierzu das implizite Wissen der Belegschaft miteinbeziehen – beispielsweise die Methode »Wissensbilanz – Made in Germany«, zu deren Moderatorennetzwerk ich seit 2009 gehöre.

Siehe ergänzend die Artikel: »Wissen im Ausverkauf – zu welchem Preis?« sowie »Immaterielles Vermögen im Journalismus: konsequenter Fakten-Check«.

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‚Reporter ohne Grenzen‘ veröffentlicht Rangliste der Pressefreiheit 2011

(jm)
Vor zwei Tagen hat der Verein »Reporter ohne Grenzen« (ROG) zum zehnten Mal seine internationale »Rangliste der Pressefreiheit« veröffentlicht. Die jährliche Rangliste schätzt die weltweite Lage der Presse- und Medienfreiheit eines Landes auf einer Punkteskala ein.

In seiner aktuellen Dokumentation für 2011 vergleicht ROG die Situation der Medien in 179 Staaten und Regionen im Betrachtungszeitraum vom 1. Dezember 2010 bis zum 30. November 2011. Die Rangliste versucht den Grad der presserechtlichen Freiheit wiederzugeben, den Journalisten und Medien in den einzelnen Ländern genießen, und bewertet die Bemühungen der jeweiligen Staaten, unabhängige Berichterstattung zu respektieren und die freie Arbeit von Journalisten sicherzustellen. Somit ist die Rangliste weder ein Indikator für die Qualität der Berichterstattung im jeweiligen Land noch ist sie als streng wissenschaftliche, repräsentative Umfrage angelegt. Sie erfasst methodisch reduktiv – anhand von insgesamt 44 quantitativen und qualitativen Kriterien – auch ausschließlich nur die Presserechtsverletzungen eines Landes, keine allgemeinen Menschenrechtsverletzungen.

Nach Einschätzung von ROG verbesserte sich Deutschland gegenüber dem Vorjahr von Platz 17 auf Platz 16 und nimmt damit »weiterhin eine stabile Mittelposition in der EU ein«. Schwierig seien, so ROG, in Deutschland insbesondere »der Zugang zu Behördeninformationen sowie der Schutz von Quellen und Informanten«. In Deutschland habe die Justiz »noch nicht endgültig darauf verzichtet, undichte Stellen in staatlichen Apparaten („Whistleblower“) zu ermitteln.«

Mit anderen Worten: Um beispielsweise den Behördenmitarbeiter, der Missstände im staatlichen Apparat an die Öffentlichkeit gibt, identifizieren und wegen »Geheimnisverrat« verurteilen zu können, hängt man dem Journalisten, der aus solch geheimen Informantenquellen berichtet, vorübergehend durchaus mal ermittlungstaktisch ein Strafverfahren wegen vermeintlicher »Beihilfe zum Geheimnisverrat« an.

Wie im Vorjahr führt Finnland [1] die ROG-Rangliste als Positivbeispiel an, während Nordkorea [178] und Eritrea [179] das Schlusslicht bilden. Interessante Einblicke in die presserechtliche und journalistische Situation Nordkoreas bietet aktuell ergänzend der launige NZZ-Online-Artikel »Der „Geliebte Führer“ war auch Journalismus-Dozent«.

Relativ charmant nimmt es sich da doch aus – und deshalb belegt Deutschland ja immerhin Rang 16 –, dass beispielsweise Bundespräsident Christian Wulff nach einem seiner gescheiterten Versuche, bereits im vergangenen Jahr unliebsame Berichterstattung wohlmeinend unterbinden zu wollen, »eine neue Art der Qualitätssicherung, quasi eine ISO-Norm für den Journalismus« angeregt hatte – wobei vermutlich die fein ziselierten Sprachregelungen der präsidialen Public-Relations-Berater den deutschlandeinheitlich einzuhaltenden Maßstab für »Qualitätsjournalismus« vorgegeben hätten.

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Strukturen des Recherchejournalismus

(jm)
Lange war die Dissertation von Manfred Redelfs »Investigative Reporting in den USA: Strukturen eines Journalismus der Machtkontrolle« [1996/1999] vergriffen und nur antiquarisch erhältlich. Inzwischen hat der Autor seine Dissertation zum kostenlosen Download im Internet verfügbar gemacht, ebenso seinen Artikel aus dem Jahre 2007: »Welche Strukturen stützen den Recherche-Journalismus?« – für jeden Autor eine vorbildliche Vorgehensweise, sobald eine Publikation über den Buchhandel nicht mehr zu bekommen ist und eine Folgeauflage aus traditioneller verlegerischer Sicht nicht lohnt.

Kritisch sei allerdings angemerkt, dass wirkliches »Investigative Reporting«, wie der Autor es beschreibt, von den etablierten Medien in den USA eher kaum noch bzw. äußerst selektiv ausgeübt wird – und tendenziell in zahlreiche neu gegründete Online-Portale und unabhängige(re) Blogs abgewandert ist.

Jene kritische und mündige Leserschaft, die sich in den USA ihr inneres Wahrheitsgefühl auch im Zustand jahrelanger ideologischer Dauerbeschallung zu bewahren vermochte, wird wohl – über kurz oder lang – dorthin mit abwandern, wo Artikel noch in der realitäts- und lesernahen Fachsprache »Klartext« verfasst werden.

Im Angesicht sinkender Auflagenzahlen wären daher auch deutsche Medien besser beraten, ihre journalistische Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit wieder vermehrt als ihre unhintergehbare Existenzgrundlage zu betrachten – und sie nicht zu Lasten zahlreicher Lobbywünsche und vermeintlich »politisch alternativloser« Berichterstattungstabus preiszugeben.

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Neue Wissensmanagement-Fachpublikation: GfWM THEMEN

(jm)
Die Gesellschaft für Wissensmanagement e.V. (GfWM) hat mit der neuen Fachpublikation »GfWM THEMEN« ihr Veröffentlichungsspektrum erweitert. Die erste Ausgabe der »GfWM THEMEN« vom Dezember 2011 ist ab sofort hier als 41-seitige PDF kostenlos zum Download erhältlich.

Die neue »GfWM THEMEN« veröffentlicht nun drei mal jährlich – jeweils im April, August und Dezember – mehrseitige Fachartikel sowie hochwertige Praxisbeiträge, Expertenmeinungen und Praktikerkommentare mit dem besonderen Fokus »Wissensmanagement«. Geplant ist, eine ganzheitliche Sichtweise des Themas abzubilden, die die drei Dimensionen des Wissensmanagements – Mensch, Organisation und technische Infrastruktur – ausgewogen berücksichtigt.

»Mit ‚GfWM THEMEN‘ wollen wir eine neue, seriöse und hochwertige fachliche Publikation herausgeben, die den inhaltlichen, fachlichen Austausch zwischen der GfWM, ihren Teilnehmern und der Öffentlichkeit anregt, unterstützt und Perspektiven aufzeigt«, so das Redaktionsteam, Stefan Zillich und Lothar Jurk.

Der bisherige Newsletter, der mittlerweile seit 2004 erscheint, berichtet weiterhin alle zwei Monate über Aktivitäten und Entwicklungen der GfWM. Wie gewohnt informiert er alle Mitglieder, Förderer und Interessierten über Tagungen, Termine und aktuelle Ereignisse: »Die Leser, die wir mit Newsletter und ‚GfWM THEMEN‘ erreichen wollen, sind Teilnehmer aus Wissenschaft und Praxis, Berufstätige aller Branchen, in denen der Umgang mit Information und Wissen eine Rolle spielt, interessierte Leser, Freunde und Förderer des Vereins und nicht zuletzt die Mitglieder der Gesellschaft für Wissensmanagement«, so Zillich und Jurk weiter.

Der Newsletter und die neue »GfWM THEMEN« können hier kostenlos abonniert werden: newsletter [at] gfwm.de

Grafiknachweis: GfWM

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