Von Reputationswaschanlagen und Diskreditierungsplattformen

(jm)
Insider wissen es seit Jahren: International agierende Lobbyisten und ihre PR-Agenturen betreiben im Auftrag finanzkräftiger Kunden auf zunehmend globalem Niveau »digitale Rufwäsche« – und das mit allen nur denkbaren Mitteln. Dabei geht es nicht nur um klassische Pressearbeit, kosmetische Imagepolitur und die legale Trickkiste der Suchmaschinenoptimierung. Neben machtpolitischen Einflussnahmen geht es nicht minder auch um das bewusst wahrheitswidrige Verfälschen von Wikipedia-Artikeln, um das bewusst wahrheitswidrige Schaffen angeblich »zuverlässiger« neuer Quellen sowie um das strategische Diskreditieren von investigativen Journalisten, Bloggern und Wissenschaftlern, die zu Recht auf Missstände oder noch unberücksichtigte Fakten aufmerksam machen (z.B. als »Spinner«, »Radikale«, »Fanatiker«, »Pseudowissenschaftler«).

In einem aktuellen Fall war die englische PR- und Lobbyagentur Bell Pottinger auf vermeintliche Anfrage der Regierung Usbekistans bereit, ihre »dunklen Künste« im Kundenauftrag einzusetzen: »We’ve got all sorts of dark arts.« Eine Selbstanpreisung jedoch, die Bell Pottinger im Nachgang übel aufstieß: Bei den vermeintlichen Abgesandten der usbekischen Regierung handelte es sich um investigative Journalisten, die die PR-technische »Tätigkeitsbeschreibung« der Agentur – d.h. ihren manipulativen »Umgang« mit missliebigen Quellen und Fakten – mit versteckter Kamera mitfilmten.

Artikel zum Thema finden Sie beispielsweise hier: The Bureau of Investigative Journalism, heise online, taz, ZEIT online, The Independent

Der tägliche Bezug zum persönlichen und zum organisationalen Informations- und Wissensmanagement liegt damit auf der Hand: Woher wissen Sie das, was Sie über eine Person, ein Land oder einen Sachverhalt zu »wissen« glauben? Aus den »unabhängigen, seriösen Medien«? Welche sind das genau? Angesichts stark gedeckelter Recherchebudgets – nicht nur bei Verlagen, sondern auch bei Nachrichtenagenturen – wird nicht zuletzt der traditionell um größtmögliche Objektivität bemühte Agenturjournalismus schnell zum unkritischen »Verlautbarungsjournalismus« für finanzstarke Lobbyinteressen.

Immaterielle Vermögenswerte im Journalismus

Erst nach und nach besinnen sich jetzt größere Medienunternehmen wieder auf ihre ursprünglichen und eigentlichen Werte, sozusagen ihre unterbewerteten »immateriellen Vermögenswerte«: Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit, Faktentreue – und gründen wieder eigene Teams für investigative Recherche, die zuvor den vermeintlichen bilanziellen und kostenrechnerischen Sparzwängen weichen mussten.

In dem Maße, wie Leser enttäuscht auf allzu lobbyfreundlichen Verlautbarungsjournalismus reagierten und »mit den Füßen abstimmten«, muss mit Mühe nun personell, sozial und strukturell wieder aufgebaut werden, was man im Interesse höherer Rendite leichtfertig entsorgen zu können glaubte: investigative, recherchierende, faktentreu berichtende Journalisten.

Und in dem Maße, wie infolge eines Entgrenzungsprozesses vormalige Nur-Leser rollenerweiternd selber auch zu Schreibern wurden (und werden), gerieten (und geraten) Berufsjournalisten unter handfesten existentiellen Rechtfertigungsdruck, denn: zum geistlosen Abtippen und Wiederkäuen mundgerecht vorportionierter Pressesprecherverlautbarungen braucht man wohl weder »Qualitätsjournalisten« noch »Qualitätsmedien«.

Ein Beleg mehr, dass auch in den Medien die traditionell retrospektiven Methoden der Unternehmensbewertung und -steuerung mehr denn je eine Ergänzung durch zukunftsorientierte, evaluationsbasierte Bewertungsmethoden benötigen, welche speziell die immateriellen Erfolgsfaktoren einer Organisation untersuchen und hierzu das implizite Wissen der Belegschaft miteinbeziehen – beispielsweise die Methode »Wissensbilanz – Made in Germany«, zu deren Moderatorennetzwerk ich seit 2009 gehöre.

Siehe ergänzend die Artikel: »Wissen im Ausverkauf – zu welchem Preis?« sowie »Immaterielles Vermögen im Journalismus: konsequenter Fakten-Check«.

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