Kontroversen als Schlüssel zum Fachjournalismus?

(jm)
Wissenschaftliche, wirtschaftliche, politische, medizinische oder kulturelle Kontroversen stellen eine besondere Herausforderung auch für Fachjournalisten dar. Allround-Journalisten neigen bereits mangels fachlicher Vorbildung oft dazu, in Kontroversen selbst zum Akteur zu werden und vorschnell ausschließlich zugunsten einer bestimmten Sichtweise zu argumentieren.

Damit verletzen sie einen wesentlichen Grundsatz journalistischer Sorgfaltspflicht: »Man höre auch die andere Seite« (audiatur et altera pars, vgl. Michael Haller 2008, Recherchieren, S. 244). »Der recherchierende Journalist sollte zu keiner Zeit versucht sein, einen urteilenden Richter zu spielen, der per Beweis eine unter vielen Versionen für die einzig wahre erklärt« (Haller 2008, S. 111).

Andererseits besteht auch für fachlich einschlägig vorgebildete Journalisten die Schwierigkeit, ihre eigene, möglicherweise einseitige Sozialisation in den Denktraditionen einer bestimmten wissenschaftlichen »Schule« angemessen hinterfragen zu können. Auch darf der aktuelle wissenschaftliche Diskurs nicht auf – evtl. »verwertbare« – Ergebnisse verkürzt werden. Man muss es dem Leser durchaus zumuten, eine offene Diskussion mit gegensätzlichen Positionen aushalten zu können, ohne bereits endgültige »Lösungen«, nutzwertige Ergebnisse und eindeutige Handlungsklarheit präsentiert zu bekommen.

Ein Lösungsvorschlag kann sein, die Kontroverse selbst zu thematisieren. Hierfür ist es erforderlich, die Beteiligten und ihre womöglich gegnerischen Positionen zu benennen, Argumente zu hinterfragen, Hintergründe zu skizzieren – und sich als Journalist keine der Positionen selbst zu eigen zu machen.

In seinem Artikel »Mehr Überblick und Hintergrund statt nur Diskursfragmente« präsentiert der Autor Stefan Riedl – in Anlehnung an den Herausgeberband »Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft?« – zu diesem Thema sieben journalistische Umsetzungsempfehlungen, exemplarisch dargestellt am Beispiel gesundheitswissenschaftlicher Kontroversen:

1 ]  Wird ein wissenschaftliches Thema kontrovers diskutiert, ist es objektiver, die Kontroverse selbst zu thematisieren, als nur über aktuelle Diskursfragmente zu berichten.

2 ]  Das Wesen einer wissenschaftlichen Kontroverse wird erfasst, indem die relevanten Meldungen der wichtigen Lager dargestellt werden.

3 ]  Werden einzelne Argumente thematisiert, sollte differenziert werden, welcher zugrunde liegende Konfliktstoff betroffen ist und welcher nicht.

4 ]  Hohn, Spott und Schmähkritiken aus einem wissenschaftlichen Diskurs sollte sich der Medienakteur nicht zulasten einer neutralen journalistischen Position zu eigen machen, sondern sprachlich eng an die Quelle binden.

5 ]  Die Positionen einzelner Lager im Diskurs werden oft erst durch die Vermittlung von Hintergrundinformationen verständlich.

6 ]  Durch eine klare Trennung von Sachverhalten und Deutungen bleibt auch auf schwierigem journalistischen Terrain die Objektivität gewahrt.

7 ]  Wird eine wissenschaftliche Kontroverse aufgrund einer Paradigmenauseinandersetzung als Disput geführt, zeigt dieser Zusammenhang die Hintergründe des Streits auf.

Literaturempfehlung: Wolf-Andreas Liebert / Marc-Denis Weitze [Hrsg.]: Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft? – Wissenskulturen in sprachlicher Interaktion, Bielefeld 2006, 214 S., ISBN 978-3-89942-448-5, 24,80 €.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Expertenpositionierung, Fachjournalismus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s