Umstrittene WeTab-Rezensionen im Amazon-Kundenforum: WeTab GmbH nimmt Stellung


(jm)
PR-technisch war das »WeTab« (vormals »WePad«) von Anfang an ein Desaster, da gleich bei der offiziellen Erstvorstellung anstelle eines funktionsfähigen Prototyps ein aufgespieltes »Demovideo« mit Endlosschleife im Gerät entlarvt wurde. Große Erwartungen begleiteten deshalb Ende September den Verkaufsstart des Multimedia-Tablet-PCs der Berliner WeTab GmbH, einem Tochterunternehmen der an der TU Berlin gegründeten Neofonie GmbH. Angekündigt waren eine 16-GB-Variante (449 €) und eine 32-GB-Variante mit UMTS, GPS und 3G (569 €).

Große Erwartungen hegten einerseits Kunden auf der Suche nach einer »offeneren« Alternative zu Apples »geschlossenem« iPad, andererseits hofften auch namhafte Buch- und Zeitungsverlage, im »WeTab« angesichts sinkender Printauflagen eine möglichst breit akzeptierte elektronische Plattform für Bezahlmodelle mit digitalen Multimedia-Inhalten gefunden zu haben.

Mit seinen angekündigten Produktdetails positionierte sich das WeTab von Anfang an als ernstzunehmende, preiswertere Alternative zu Apples iPad: Ausgestattet mit 2 USB-Anschlüssen, HDMI-Schnittstelle, Kamera, Internetanschluss, Java/Flash und Cardreader, ließen sich für das WeTab zahlreiche Einsatzmöglichkeiten als mobiles Endgerät denken, etwa im Schulunterricht, in der mobilen Erwachsenenbildung oder im Einsatz an Universitäten. Ein idealer Begleiter für die persönliche, mobile Wissenskonstruktion, auch für das verteilte Arbeiten in virtuellen Netzwerken. Dementsprechend hoch gesteckt waren wohl auch die Erwartungen einer wachsenden Community, die es kaum abwarten konnte, ab Ende September mit dem eigenen WeTab endlich loslegen zu können.

Beim Verkaufspartner Amazon überwogen jedoch im Kundenforum schnell die kritischen Stimmen. Die Mehrheit der ausführlichen Rezensionen sprachen von einem nicht ausgereiften Produkt, von enttäuschten Erwartungen, von fehlenden Updates, zu lautem Lüftergeräusch, unpräzisem Multitouch, nachträglich erhöhtem Gewicht, starker Blickwinkelabhängigkeit des Displays, nicht eingehaltenen Spezifikationen.

Wiederum mehrten sich jedoch auch 5-Sterne-Rezensionen, die das WeTab wesentlich unkritischer und wenig differenziert in den höchsten Tönen lobten. Schnell bildete sich im Amazon-Kundenforum die Überzeugung heraus: hier lässt der Hersteller mit neuen, eigens hierfür angemeldeten Kundenprofilen bei den 5-Sterne-Rezensionen kräftig mitschreiben, um das Bewertungsspektrum ausgewogener erscheinen zu lassen und so den Verkauf weiter anzukurbeln.

Ganz so leicht jedoch lassen sich Kunden heute nicht mehr täuschen, und spätestens ab vorigem Samstag war es belegt: Hinter mindestens zwei »sehr sehr positiven« Amazon-Rezensionen verbargen sich WeTab-Geschäftsführer Helmut Hoffer von Ankershoffen und seine Frau Sandra, die unter den Pseudonymen »Peter Glaser« und »Claudia Kaden« überaus engagiert und höchstselbst mitschrieben. (Aus »Claudia Kaden« wurde inzwischen »Sandra HvA« – ein Schelm, der Böses dabei denkt.)

Der WeTab-Geschäftsführer hat seine anonyme Verfasserschaft inzwischen schriftlich eingestanden und Konsequenzen gezogen. Sein selbstverschuldetes PR-Debakel veranlasste Helmut Hoffer von Ankershoffen am Montag dazu, seine Position als Geschäftsführer der WeTab GmbH bis auf weiteres ruhen zu lassen. Auf meine Presseanfrage hin ließ die PR-Agentur Fink & Fuchs in München verlauten:

Sehr geehrter Herr Michael,

seit Samstag gibt es Verwirrung um zwei Amazon.de-Bewertungen, die unter den Namen Peter Glaser und Claudia Kaden verfasst wurden. Dazu übersenden wir Ihnen die folgende Stellungnahme von Helmut Hoffer von Ankershoffen, Geschäftsführer der WeTab GmbH:

“Die beiden fraglichen Rezensionen auf Amazon habe ich privat verfasst ohne mich mit der übrigen Geschäftsführung oder unserer Kommunikationsabteilung abzustimmen. Ich wollte damit meiner Freude über den Markstart und meiner Überzeugung, dass das WeTab ein tolles Gerät ist, Ausdruck verleihen. Inhaltlich stehe ich voll hinter dem, was ich dort geschrieben habe. Ein Fehler war es allerdings, nicht meinen eigenen Namen für die Bewertung zu verwenden. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle entschuldigen! Wegen der anhaltenden Diskussionen in der Öffentlichkeit rund um meine Person in den letzten Wochen habe ich mich daher entschieden, meine Position als Geschäftsführer der WeTab GmbH bis auf weiteres ruhen zu lassen. Die Vertretung der WeTab GmbH nach außen übernimmt weiterhin Geschäftsführer Tore Meyer.”

Schade, WeTab. Für den angekündigten Spezifikationsumfang hätte ich als »Early Adopter« gerne 569 € bezahlt; der gelieferte Umfang blieb jedoch selbst für linuxgewohnte Beta-Tester deutlich hinter den Ankündigungen zurück. Mit meinem Amazon Kindle DX 9,7″ hingegen bin ich nach wie vor sehr zufrieden, wünsche mir aber mehr als nur 3 Abonnementmöglichkeiten bei den verfügbaren deutschsprachigen Publikationen. Und Apples iPad wünsche ich mir nach wie vor als »offenes« System mit dock-unabhängigem USB und mit HDMI, mit gut entspiegeltem Glas und endlich mit Selbstwechselmöglichkeit für den Akku.

Da ich die Idee eines »offenen«, communitybasierten Systems gegenüber einem »geschlossenen«, herstellergebundenen System prinzipiell vorziehe, gebe ich dem WeTab im kommenden Jahr vielleicht noch einmal eine weitere Chance. Vorausgesetzt, sämtliche Schwachstellen sind bis dahin ausgemerzt und die angekündigten Updates geliefert – und natürlich vorausgesetzt, es gibt das WeTab bis dahin noch.

Foto: WeTab GmbH

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