Worüber schreiben im »Sommerloch«?

(jm)
Es ist keine bloße Erfindung der Medien in der nachrichtenarmen »Saure-Gurken-Zeit«: jenes »Sommerloch«, eine real existierende 430-Seelen-Gemeinde im Kreis Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz. Doch jenes bildhafte andere »Sommerloch«, von dem Jahr für Jahr in Redaktions- und Journalistenkreisen die Rede ist, beschreibt vielmehr eine mittjährliche Flaute in der massenmedialen Berichterstattung: Es ist heiß, es sind Schulferien, die Leser erfrischen sich im Schwimmbad, der Sport pausiert genauso wie die Politik.

Worüber also schreiben im »Sommerloch«? Um die gähnende Leere am Newsdesk zu stopfen, greifen sommerlich-unterbesetzte Redaktionen (mal unwissentlich, mal wissentlich) zu redaktionsgerecht vorportionierten PR-Strohhalmen, die von erfahrenen PR-Strategen teilweise sogar gezielt zur Sommerzeit an die Presse lanciert werden, um überproportionale Abdruckgarantien und aufgeblasene Beachtungseffekte für irrelevante Lobby-Botschaften zu erzielen.

Trotz sommerlich-heiterem Himmel ist das keine schöne Aussicht für die öffentliche Wissenskonstruktion – und durchaus keine Seltenheit im kostengeplagten Copy-and-Paste-Journalismus, der sich, mangels Personal und Budget, mehr und mehr als straff am Lobbypuls getakteter »Content-Konfektionierer« positioniert denn als universal wirklichkeitsverpflichteter Chronist des Weltgeschehens, und sich zunehmend als »Pressemitteilungs-Zwischenhändler« aufstellt denn als originärer Quellenrechercheur.

Durch die medienökonomische Brille der Transaktionskostentheorie [»cost of using the price mechanism«, Coase 1937: 390] gesehen, ist genau dies der Weg, wie Medienmanager ihre Einerleiheit von pressekonzentrierten »Notstandsprodukten« am Markt verzichtbar machen – denn um schon am Frühstückstisch täglich eine Collage von eins-zu-eins-kopierten Lobbytönen und Pressemitteilungsschnipseln zu goutieren, bedarf es nicht zwingend eines Zeitungsabonnements, dafür reicht ein gut sortierter RSS-Feed.

Nein, wahrlich kein sonniges Thema im nachrichtenarmen »Sommerloch«. Und mit dem Rüberkopieren irgendeiner Pressemitteilung wäre ich auch schneller fertig gewesen …

Vielleicht sollte ich über dieses Thema mehr schreiben. Am besten aber nur dann, wenn es eh keiner so richtig liest. Also: im »Sommerloch«.

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