Mit Wissensmanagement die zerbrochene Informationskultur »reparieren«

(jm))

Informationen und insbesondere Wissen – sagt man – ersetzen das Kapital als wichtigstes Anlagegut des 21. Jahrhunderts. Dem gegenüber stehen jedoch deutliche Hinweise auf eine zerbrochene Informationskultur, die die europäische Wirtschaft Milliarden von Euros kostet. Im Interview mit Stefan Zillich illustriert Michael Fanning (OCI GmbH) im neuen GfWM-Newsletter 5/2009 anhand seiner Erfahrungen mit Informationszugangsrechten, wie sehr man Wissensmanagement benötigt, um zerbrochene Informationskulturen zu »reparieren« – und dabei Probleme in Chancen verwandeln kann.

Mit freundlicher Genehmigung von Stefan Zillich geben wir hier den zweiten Teil dieses Interviews wieder. Das vollständige Interview finden Sie hier.

… Zu Ihren Themen gehören die Informationsfreiheitsgesetze.

Das ist richtig. Einer unserer Kerngeschäftsbereiche ist die Umsetzung und Anwendung von Informationszugangsrechten. Dabei verbinden wir langjährige Expertise beim Vergleich von rechtlichen Vorgaben mit facettenreichen Erfahrungen im Bereich Informations- und Wissensmanagement in Organisationen.

Worum geht es beim Informationsfreiheitsgesetz?

Nehmen wir ein Beispiel. Das Informationsfreiheitsgesetz des Bundes (IFG) ist eines aus einer ganzen Reihe von Informationszugangsrechten. Diese Rechte bieten allen Bürgern freien Zugang zu allen in den öffentlichen Verwaltungen existierenden Informationen. Während die IFG-Gesetzgebungen im Bund und in den Ländern ein allgemeines Zugangsrecht zu amtlichen Informationen bieten, wird dies durch andere Gesetze mit Fokus auf ein Spezialgebiet oder bestimmte Situationen abgedeckt. Ein Beispiel für gebiets-spezifische Informationszugangsrechte ist das Umweltinformationsgesetz (UIG) oder das Verbraucherinformationsgesetz (VIG).

Und die Daten, die über mich als Person gespeichert sind?

Das betrifft dann die situationsspezifischen Zugangsrechte. Durch das Datenschutzgesetz erhalten Sie Zugang zu den über Sie gespeicherten Daten. Ein weiteres Beispiel eines situationsspezifischen Zugangsrechts, das Information Professionals bereits gut kennen, ist das Recht auf Einsicht im Handelsregister.

Die öffentliche Verwaltung ist also ein gut zugänglicher Datenpool?

Der öffentliche Sektor ist einer der größten Anbieter für Information, und der rechtlich ermöglichte Zugang dazu eröffnet dem Einzelnen und den Organisationen zahlreiche Nutzungsmöglichkeiten. In Deutschland wird jedoch das Potential für den Einzelnen, für Unternehmen und das Gemeinwohl insgesamt noch lange nicht umgesetzt. Der rechtliche Rahmen wurde mit ungenügender Rücksichtnahme auf tatsächliche Begebenheiten konstruiert. Beispielsweise setzt das Recht auf Weiterverwendung von Informationen des öffentlichen Sektors ein Zugangsrecht zu den Informationen voraus. Bedauerlicherweise differieren Informationszugangsrechte innerhalb der Bundesrepublik jedoch erheblich.

Gibt es denn eine übergreifende, gemeinsame Strategie für das Informations- und Wissensmanagement im öffentlichen Sektor?

In Bezug auf die Informationszugangsrechte gibt es aus meiner Sicht der Dinge keine solche Strategie. Stattdessen entstand das, was ich als ein Netzwerk sich gegenseitig behindernder »Wissenslücken« bezeichnen würde: Nachdem das Parlament der öffentlichen Verwaltung die neue Gesetzgebung aufgedrängt hat, fehlt es dort oft an Wissen über die Art, wie die Gesetzgebung umgesetzt werden kann. Außerdem mangelt es an entsprechenden Ressourcen. Gut verständlich, dass die Behörden für den Zugang zur Information im eigenen Hause nicht gerade werben. Und die Bevölkerung, Verbände, Firmen usw. haben größtenteils keine Ahnung, dass ihnen diese Rechte zur Verfügung stehen. Die Folgen einer fehlenden Strategie für das Informations- und Wissensmanagement in den Schlüsselsektoren bezeichnet beispielsweise das Beratungsunternehmen Capgemini in einem Report als »zerbrochene Informationskultur« (»broken information culture«) und bewertet dies als verlorene Chance für den öffentlichen Sektor und für die Wirtschaft. In Großbritannien entsteht laut Capgemini dadurch ein Verlust in Höhe von £67 Mio.

Das klingt einschüchternd.

Absolut! Es klingt nicht nur einschüchternd, es ist so! Aber auf der anderen Seite würde ich diese Art der Bewertung als sehr hilfreich für die WM-Gemeinde bezeichnen, da sie Wissensmanagement (oder eher dessen mangelnde Umsetzung) mit Produktivität und Kosten in Verbindung bringt, die sich direkt in Euro messen lassen.

Können Sie die Existenz von Wissenslücken im Bereich der Informationszugangsrechte genauer erläutern? Wie kann man mit Wissensmanagement die Probleme reparieren?

Zurzeit haben in Deutschland der Bund und elf Bundesländer eine IFG-Gesetzgebung. Obwohl die Vor- und Nachteile der Informationsfreiheitsgesetzgebung nur selten in der Tagespresse erscheinen, wurden sie mindestens seit 10 Jahren, und in manchen Fällen sogar noch länger, leidenschaftlich in den Bund- und Länderparlamenten debattiert. Vor kurzem haben in Hessen während einer Anhörung im Innenausschuss des Landtags die CDU und FDP den Vorschlag für ein Informationsfreiheitsgesetz abgelehnt. Und das in dem Bundesland, das als »Mutterland des Datenschutzes« gilt!

…aber es besteht doch sicher eine Pflicht nach der EU-Gesetzgebung?

Das ist eine gute Frage, die oft gestellt wird. Jedoch geht sie in die falsche Richtung. Dennoch dient sie der Verdeutlichung des Umfangs und der Komplexität des Flickwerks der Wissenslücken in diesem Bereich. Während die EU-Gesetzgebung hinter dem Umweltinformationsgesetz (UIG) und der Datenschutzgesetzgebung (BDSG) als treibende Kraft stand, war dies nicht der Fall bei der IFG-Gesetzgebung. Das praktische Ergebnis ist, dass die deutsche Erfahrung mit der IFG-Gesetzgebung inzwischen 11 Jahre umfasst (von Brandenburg 1998 bis Hamburg 2009) und damit unterschiedliche Einstellungen gegenüber dem Informationszugang und deren Weiterverwendung sowie verschiedene Generationen der Informationstechnologie abdeckt!

…und die Konsequenzen für Wissensmanager in diesem Bereich?

In Bezug auf Wissensmanagement können beträchtliche Unterschiede in der Entwicklung der Lösungen zur Akteneinsicht (Brandenburg 1998) im Gegensatz zum Informationszugang (Hamburg 2009) auftreten, wo eine Definition von Informationen weit ausgelegt ist. Wissenslücken, die sich im Sinne von unterschiedlichen Strategien und Verfahren sowie einem voneinander abweichenden Verständnis der wichtigsten Konzepte wie »Information« äußern, sind Hemmnisse für effiziente Informationsflüsse, die wiederum eine Grundvoraussetzung der modernen Verwaltung darstellen.

Eine anschaulichere und ich denke passende Art, diesen Punkt zu verdeutlichen, besteht in einer Analogie zwischen Information und der Reise durch die Bundesrepublik. Man könnte Information mit einer Person vergleichen, die durch die gegenwärtige Informationslandschaft bzw. Informationsinfrastruktur reisen will. Um von einem Bundesland zum anderen zu gelangen, müsste diese Person an der Grenze eines Bundeslandes aus ihrem Auto aussteigen und in ein anderes Auto umsteigen, um ihre Reise fortsetzen zu können, und das obwohl die Autobahn bzw. Datenautobahn, die beide Bundesländer verbindet, und auch die Autos, von höchster technologischer Qualität sind.

Nutzen die Bürger ihr neues Recht auf Zugang zu öffentlichen Informationen?

Ja, das tun sie, wenn auch langsam. In Saarbrücken haben Eltern die IFG-Gesetzgebung genutzt, um Informationen über Schulen zu erhalten. In Nordrhein-Westfalen haben sich Verbandsmitglieder der IFG-Gesetzgebung bedient, um Informationen über Vereinbarungen zwischen der Uniklinik Köln und der Bayer AG zu erfragen. Für das Jahr 2008 berichtete das BMI, dass 1.548 IFG-Anträge an Bundeseinrichtungen gesandt wurden.

Warum wird es nicht mehr genutzt?

Hier kommen wir auf die Wissenslücken zurück, die sich in einer Art Teufelskreis gegenseitig im Weg stehen: den Behörden fehlt es an Wissen über die Art, wie sie die Gesetzgebung umsetzen und anwenden sollen; verständlicherweise werden sie daher nicht für ein Zugangsrecht zu Informationen werben, die sie halten und die den Bürgern (d.h. ihren »Kunden«) zur Verfügung stehen. Die Bürger ihrerseits bleiben im Dunkeln über ihre Rechte und wissen nicht, dass sie eine wichtige Möglichkeit verpassen. Eine Anpassung des klassischen WM-Spruchs, der durch den Konjunktivfilter gepresst wird, passt hier meiner Meinung nach sehr gut: »wenn ich wüsste, was ich hätte wissen können«.

Herr Fanning, zwei Fragen zum Schluss: Bezogen auf das Thema Wissensmanagement, worüber haben Sie sich in der letzten Zeit gewundert?

Im Sinne von »Oh je« statt »Aha!« habe ich mich vor kurzem über eine Anmerkung von Professor David Nicholas und Dr. Ian Rowlands gewundert. Das 2008 erschienene Buch »Digital Consumers« ist auch für WM-Fachleute eine wichtige, wenn auch unangenehme Lektüre. Dort sagen die Verfasser, dass Fähigkeiten, Wissen und Können, die für einen konstruktiven und optimalen Umgang mit Informationen benötigt werden, bereits in den Entwicklungsjahren der Kindheit eingeschärft werden müssen. Außerdem sagen sie, dass bereits tief eingegrabene Angewohnheiten, insbesondere ein unkritisches Vertrauen in Markensuchmaschinen, die rasche Lösungen anbieten, nicht mehr reversibel sind, wenn die Kinder ins Hochschulalter kommen. Völlig unaufgefordert hat ein DGI-Kollege von mir kurze Zeit später genau dieselben Ansichten geäußert. Meine Auslegung dieser Betrachtung ist, dass wir uns neben den Wissenslücken auch mit einer Art Verkalkung des Wissens beschäftigen sollten. Es scheint mir äußerst wichtig, dass Wissensmanagement als eine der wesentlichen Kernkompetenzen bei der Verwirklichung lebenslanger Lernprogramme positioniert wird. Im Bildungsbereich spielen hier wiederum die Themen Datenschutz, Informationsfreiheit sowie Informationsweiterverwendung eine sehr wichtige Rolle.

Und was hat Sie besonders gefreut?

Dass »Wissenslücken« auch mögliche Lösungen anbieten bzw. ergeben können und nicht nur als Baustellen zu betrachten sind. In diesem Sommer hatte ich das Glück, mit drei weiteren »verwandten Seelen« in Karlsruhe zusammenzukommen. Wir sind alle Väter, haben einen professionellen Hintergrund im Informations- und Wissensmanagement und sind alle sehr besorgt über die mangelnde Informationskompetenz bei jungen Menschen. Wir haben uns entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen und bereits einige Aktivitäten in dieser Hinsicht unternommen, über die wir auf der DGI-Online-Tagung 2009 berichten werden. Wie Sie sehen, ist dies ein weiteres Beispiel, bei dem die »WM-Fahne« in Karlsruhe hoch getragen wird, neben der EnBW, dem Vorstandsvorsitzenden der GfWM und dem Arbeitskreis Wissensmanagement Karlsruhe e.V.

Herr Fanning, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Gespräch führte Stefan Zillich.

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Eingeordnet unter Informationsfreiheit, Rechtliche Aspekte, Wissensmanagement

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