Das Thema ‚Wissensbilanz‘ im Spiegel des Buchmarktes

Mal angenommen, Sie interessieren sich für Fachliteratur zum Thema »Wissensbilanz«, und Sie recherchieren den Suchbegriff daraufhin in der Online-Profisuche im Verzeichnis Lieferbarer Bücher (VLB) des Deutschen Buchhandels – was meinen Sie, wie viele Suchtreffer werden Sie erhalten? Probieren Sie es aus: Es sind 8 Treffer für den Suchbegriff »Wissensbilanz« und 5 weitere Treffer für den Plural »Wissensbilanzen« [Stand: 12.08.2009]. Das ist überschaubar; und es werden nur wenige Treffer mehr, wenn Sie den Suchbegriff als übergeordnetes Schlagwort eingeben statt als exaktes Stichwort. Schon etliche Treffer mehr erzielen Sie hingegen z.B. bei amazon – aber um welchen Preis: mehr studentische Haus- und Diplomarbeiten, umfangreichere  (und teilweise irreführende) Verschlagwortung, ausufernde Sortimentsbreite statt inhaltlicher Tiefe.

Für Themeneinsteiger besonders verwirrend: dass angesichts hunderter Methoden und Modelle zum Thema »Wissensbilanzierung« nicht einmal die Verlags- und Klappentexte verlässliche inhaltliche Orientierung darüber bieten, welches konkrete Modell der Autor eigentlich beschreibt. Eine tragfähige Positionierung sähe anders aus; hier sind Verlage, Verleger, Lektoren und Autoren ganz neu herausgefordert. Auch die empfehlenswerten Fachbücher des Arbeitskreises Wissensbilanz zur »Wissensbilanz – Made in Germany« würden meines Erachtens an Marktprofil und Kontur gewinnen, wenn dieser spezifische Qualitätsstandard auch erkennbar im Buchtitel bzw. Untertitel zum Ausdruck käme – und auch öfter mal im Buchtext selber! – und damit im Sprachgebrauch als Unterscheidungskriterium etabliert würde. Beispiel: »Handbuch Wissensbilanz – Made in Germany« statt nur »Handbuch Wissensbilanz«, da derartige sprachliche Unschärfen sich bis in fachjournalistische Rezensionen hinein fortpflanzen, aus denen zum Schluss gar nicht mehr hervorgeht, ob es sich beim Rezensionsthema um irgendeine beliebige »Wissensbilanz« handelt oder die definierte Methode »Wissensbilanz – Made in Germany« (hier ein Beispiel).

Zurück zum Suchergebnis für den exakten Suchbegriff »Wissensbilanz«: Buchhandelsweiter Spitzenreiter hinsichtlich Quantität von Buchtiteln mit dem Titel- und Themenbestandteil »Wissensbilanz« ist wohl derzeit der Publizist Jörg Becker, der ca. alle 2 bis 3 Wochen ein neues Buch zu veröffentlichen scheint: »Strategie-Check und Wissensbilanz«, »Wissensbilanz und Geschäftsplanung«, »Management-Cockpit der Wissensbilanz«, »Change Management und Wissensbilanz«, »Wissensbilanz mit Kundenbarometer«, »Mitarbeiterbefragung als Wissensbilanz-Seismograph«, »Data Mining als Wissensbilanz-Zubringer«; hinzu kommen verwandte Konzepte wie »Non Financial Standortbilanzen«, »Die Vermessung der Standorte«, »Personenbilanzen mit Intellektuellem Kapital«, »Marketingcontrolling und Intellektuelles Kapital«, »Wirtschaftsförderung und Standortanalyse«, »Bewerbung marktorientiert vorbereiten«, »Standortmarketing mit Qualitätsprofilen«, »Bewerbung mit Profil: Geschäftsgrundlage Personenbilanz«, »Strategischer Potential-Check des Standortes«, »Existenzgründer-Rating«, »Existenzgründer-Potential«, »Personalcontrolling mit Mitteln einer Personenbilanz« oder »Kultur- und Kreativwirtschaft im Netz der Standortfaktoren«. Ohne einer ausführlicheren Würdigung vorzugreifen: Positiv fällt auf, dass Beckers Bücher zwar einige konzeptionelle Grundlagen und Gedanken der »Wissensbilanz – Made in Germany« aufgreifen sowie Diagrammbeispiele aus der Toolbox enthalten; leider jedoch ausnahmslos ohne Quellenangaben, Fußnoten oder ein Literaturverzeichnis daherkommen. Interessant und ideenreich natürlich einerseits die Verknüpfung von »Wissensbilanzierung« mit Themen wie Standortwahl, Bewerbung, Personalcontrolling, Marketingcontrolling, Mitarbeiterbefragungen oder Data Mining, andererseits wirken die Titel durch den Komplettverzicht auf gängige wissenschaftliche Standards und ausschließliche Selbstzitate (!) relativ »freischwebend« und unverbunden mit dem jeweils aktuellen Sachstand der Debatte in der einzelnen Fachdisziplin. Hüben wie drüben also noch kein Anlass für die Vergabe von Höchstnoten …

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Eingeordnet unter Expertenpositionierung, Wissensbilanz - Made in Germany

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