Implizites Wissen im Straßenverkehr?

(jm)

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass die Teilnahme am Straßenverkehr – egal, ob als Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer,  Rollstuhlfahrer – implizites Wissen bereits »stillschweigend« voraussetzt, ohne es zu definieren? Dass Sie, sobald Sie Ihr Haus verlassen und selbst nur als Fußgänger am Straßenverkehr teilnehmen, Bereiche betreten und sich in stets neue Situationen begeben, in denen Sie sich gemeinsam mit anderen Menschen unabdingbar »bewegen können müssen«? Und dass Sie sich von Kontext zu Kontext situationsangemessen »bewegen können müssen«, ohne dass von Ihnen andererseits gefordert wäre, dass Sie Ihr richtiges und situatives »Verhaltenswissen« auch nur annähernd verbal beschreiben könnten?

Dass es sich bei diesem situativ richtigen »Verhaltenswissen« tatsächlich um eine verbindliche Maxime und Forderung des Gesetzgebers handelt – und nicht bloß um eine Empfehlung –, stellt schon § 1 der Straßenverkehrsordnung (StVO) unmissverständlich klar. Absatz 1 besagt: »Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.« Und Absatz 2: »Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.« Richtiges und situationsangemessenes Verhaltens- bzw. Bewegungswissen ist also durch den individuellen Kontext und die Sichtweise anderer Menschen stets mitbedingt, steht demnach nicht isoliert da.

Das »implizite Verhaltenswissen« zeigt sich dabei vorrangig im intelligenten, situationskompetenten Handeln: Wer beispielsweise als Fußgänger einen Zebrastreifen überqueren will, vergegenwärtigt sich nicht zuerst geistig die theoretische Regelgesamtheit des Überquerens von Zebrastreifen – er stellt sich einfach am Zebrastreifen in der Nähe des Bordsteins hin und wartet darauf, dass das nächste Auto sichtbar anhält. Und wer als Autofahrer am Zebrastreifen einen wartenden Fußgänger sieht, vergegenwärtigt sich nicht zuerst geistig die theoretische Regelgesamtheit des Anhaltens an Zebrastreifen, sondern bremst im Idealfall ab und hält an – und wartet, bis der Fußgänger den Zebrastreifen überquert hat.

Beide initiieren ihren Verhaltenspart durch intelligentes, nonverbales Handeln – mit allen Unsicherheits- und Interpretationsräumen, mit denen sich Gerichte und Rechtsprechung befassen. Ein »Wissensaustausch« zwischen Autofahrer und Fußgänger findet dabei nicht statt; lediglich eine wechselseitige Interpretation von Gesten, Blickkontakten und Körperhaltung. Kein Überquervorgang gleicht dabei weltweit exakt geometrisch dem anderen. Auch die Komplexität der unmittelbar situationsgebundenen Parameter (Lichtverhältnisse, Wetterlage, weitere Verkehrsteilnehmer etc.) variiert von Einzelfall zu Einzelfall. Das implizite Wissen von Autofahrer und Fußgänger zeigt sich in all diesen Fällen stets situativ im körpergebundenen Bewegungswissen, in einer intelligenten und rücksichtsvollen (oder weniger rücksichtsvollen) Praxis – und eben nicht in einem abfragbaren, vorzeigbaren, formalisierbaren, formulierbaren Regelwissen.

Siehe dazu auch: »Implizites Wissen als Vertragsbestandteil?«

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Eingeordnet unter Rechtliche Aspekte, Wissensmanagement

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