Michael Polanyi: Ein Rekonstruktionsversuch seiner Fundamentalphilosophie

(jm)

Ein mutiger Titel für ein nur 280 Seiten starkes Oeuvre: »Michael Polanyis Fundamentalphilosophie« von Helmut Mai [2009]. Sein Untertitel: »Studien zu den Bedingungen des modernen Bewusstseins«.

Was ist nun das Besondere an dieser Publikation, und worin besteht ihr Wert für das Themenspektrum des »Wissensmanagements« (mit all seinen Schattierungen, Ausläufern und degenerierten Rändern)?

Während Arbeiten wie die von Kai Peifer [2009] mit Fokus auf den Bereich und Modebegriff »Wissensmanagement« nahelegen, dass die in verschiedenen Ansätzen des Wissensmanagements übliche und verbreitete Interpretation von Polanyis »Tacit-knowing-Konzept« kriteriell und fachlich (noch) zu kurz greift, geht dieser Rekonstruktionsversuch deutlich weiter und skizziert die ontologische Dimension der Gesamtphilosophie Polanyis.

Am Maßstab ontologischer Realitätsdichte wird sich zuletzt jedes »Wissensmanagement« im Kontext messen lassen müssen, ob und inwieweit überhaupt seine philosophischen »Letztbegründungen« stimmen – oder ob man sein Modell angesichts allseitiger »Theorienot der Wissenschaften« nur mit ein paar eilig verfertigten Ad-hoc-Denkprovisorien irgendeiner Fachwissenschaft zu unterfüttern versucht hatte.

Jeder möge im Laboratorium seines eigenen Erkennens prüfen, ob es sich hier – zumindest ansatzweise – um den »Goldstandard« einer brauchbaren Ontologie handelt, oder um eine weitere von vielen bloßen und blassen Phänomenologien.

Der Verlagstext macht denn auch deutlich, dass es sich bei diesem Werk um ein Novum im deutschen Sprachraum handelt:

Die vorliegende Arbeit rekonstruiert den Entwurf der Philosophie Michael Polanyis (1891-1976) im Ganzen im Blick auf den Zusammenhang seiner Teile und stellt so zum ersten Mal im deutschen Sprachraum den Gesamtentwurf dieser Philosophie zur Diskussion. Im ersten Teil der Arbeit wird die herausragende Stellung der Wissenschaft für das Denken Polanyis, der unter Fritz Haber am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin naturwissenschaftliche Spitzenforschung betrieb, untersucht. Der zweite Teil erörtert in einer Kette von Kapiteln die philosophischen Grundbegriffe Polanyis (personal knowledge, commitment, fiduciary programme, tacit knowing) und deren Zusammenhang. Im dritten Teil wird dann auf die ontologische Dimension von Polanyis Philosophie in ihrer Verschränktheit mit seinem bewusstseinsphilosophischen Ansatz hingewiesen. Der abschließende vierte Teil öffnet den Blick für die Universalität der Philosophie Polanyis: Auf der Basis seiner zunächst wissenschaftstheoretischen Überlegungen hat Polanyi die Skizze einer Fundamentalphilosophie entworfen, die eine generelle Theorie des Erkennens und der Wirklichkeit enthält. Dieser Ansatz ist eigenständig und innovativ, er lässt sich allerdings auch in der Tradition der phänomenologischen Philosophie verstehen.

Weitere Empfehlungen zum Thema (Auswahl):

Michael Polanyi (1985): Implizites Wissen

Georg Hans Neuweg (3. Aufl. 2004): Könnerschaft und implizites Wissen

Georg Hans Neuweg (2006): Das Schweigen der Könner

Christian Schilcher (2006): Implizite Dimensionen des Wissens und ihre Bedeutung für betriebliches Wissensmanagement

Gabriele Heitmann (2006): Der Entstehungsprozess impliziten Wissens

 

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