Medienhäuser zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen

(jm)

»Journalismus zwischen Morgen und Grauen« – das Motto der diesjährigen Jahrestagung von »netzwerk recherche e.V.« am 05./06. Juni in Hamburg passte ausgezeichnet zu den gegenwärtigen Umbrüchen und Erschütterungen bei Medienhäusern und Journalisten. Beide Pole – »Morgen« und »Grauen« – vereinten sich bereits in der kenntnisreichen Eröffnungsrede des Publizisten Dr. Heribert Prantl, der die innenpolitische Redaktion der Süddeutschen Zeitung leitet. Er fragte: »Sind Zeitungen systemrelevant?« – und lieferte pointierte Begründungen für sein deutliches »Ja« im aktuellen Kontext von Redaktionsschließungen, Entlassungswellen und Budgetkürzungen für investigative Recherchen, im Kontext von allzu unkritischer Übernahme von vorformulierter Auftrags-PR sowie Quasi-Abdruckgarantien für lobbygesteuerte Pressemeldungen (seitens Journalisten, die es besser wissen sollten). Aus Prantls Rede ein paar Kostproben:

Es ist ja bitteschön nicht so, dass die Zeitungen in Deutschland rote Zahlen schreiben, es ist nicht so, dass sie seit Jahren in der Verlustzone drucken. Sie machen nur nicht mehr so hohe Gewinne wie zuvor. Das kommt in den besten Unternehmen vor, auch in den Unternehmen, für die es kein spezielles Grundrecht gibt. Die Verlage nutzen aber die angebliche Not für überzogene Notwehr. Viele der sogenannten Restrukturierungsmaßnahmen und Kündigungswellen in deutschen Medienhäusern sind Putativnotwehrexzesse – die zugleich, und das ist das wirklich Tragische, die Basis für künftiges Gedeihen der Presseunternehmen gefährden. Die deutschen Zeitungen brauchen kein Staatsgeld. Sie brauchen aber Journalisten und Verleger, die ihre Arbeit ordentlich machen. Sie brauchen Journalisten, die neugierig, unbequem, urteilskräftig, selbstkritisch und integer sind. Sie brauchen Verleger, die einen solchen Journalismus schätzen, die also von ihren Zeitungen mehr wollen als Geld, die stolz sind darauf, dass sie Verleger sind; und denen dieser Stolz mehr bedeutet als ein oder zwei Prozent mehr Gewinn.

Die deutsche Publizistik hat sich von der US-Zeitungsdepression lustvoll anstecken lassen. […] Lange bevor sich im Herbst 2008 die Banken- und Finanzkrise zuspitzte, steckten 19 der 50 größten US-Zeitungen in roten Zahlen. Wenn es einem Wirtschaftszweig in den USA heute noch schlechter geht als den Banken, dann sind das die Tageszeitungen. Stephan Russ-Mohl, der Journalistik-Professor in Lugano, vermeldet, was die Medienunternehmen mit den Finanzjongleuren von der Wall Street gemein haben: „Es ist noch nicht allzu lange her, da gab es nur eine einzige Branche, in der sich mit dem eingesetzten Geld noch mehr Geld verdienen ließ (als mit Banken und Zeitungen): (mit) Spielcasinos.“ Banken, Zeitungen, Spielcasinos: Das sollte den Blick darauf lenken, was zur US-Zeitungsdepression geführt hat. Es war vor allem die Geldsucht. Das US-Zeitungswesen ist jener Wall-Street-Theorie zum Opfer, wonach man Profite dadurch maximiert, indem man das Produkt minimiert. Die US-Zeitungen sind an die Börse gegangen und dann an der Börse heruntergewirtschaftet worden. Der Wert der Zeitungen wurde von der Wertschätzung nicht der Leser, sondern der Aktionäre abhängig gemacht. Überall und ständig wurde von den Zeitungen gefordert, ihren Aktienwert zu verbessern. Deswegen gab es Kahlschlag-Sanierungen, Korrespondentennetze wurden zerschnitten, Büros geschlossen, Redaktionen kastriert, die Druckkosten zu Lasten der gedruckten Inhalte gesenkt. An immer mehr Zeitungen haben die Investmentfonds wesentliche Aktienanteile gehalten. Dass Fondsmanager kein Interesse am Zeitungsmachen haben, liegt auf der Hand. Das war und ist der eine Grund für die US-Zeitungsmisere. Der andere hat vielleicht auch mit diesem einen zu tun: Die US-Zeitungen haben in der Bush-Ära fast komplett versagt. […] Die Blogs waren daher nichts anderes als eine demokratische Not- und Selbsthilfe. […] Ein guter Journalismus muss wegen der Blogger nicht Heulen und Zähneklappern kriegen: Er kann dem Blog dankbar sein, wenn und weil er seine Lücken substituiert und seine Fehler aufzeigt.

Guter Journalismus hat gute,er hat große Zeiten vor sich: Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als nach der digitalen Revolution. Noch nie war Journalismus weltweit zugänglich. Und es gab wohl noch nie so viel Bedürfnis nach einem orientierenden, aufklärenden, einordnenden und verlässlichen Journalismus wie heute.

Die Ausweitung des wissbaren Wissens durch das Netz (der Philosoph Martin Bauer nennt es die horizontale Erweiterung des Wissens) wird auf Kosten ihrer Vertiefung erwirtschaftet (also, nach Bauer, ihrer Vertikalisierung). Kurz: die Datenmenge nimmt zu, aber die Datenverarbeitung bleibt aus. Da kommt dem Journalismus eine neue Aufgabe zu: Gegen Datentrash hilft nur Reflektion und Hintergrundbildung. Daher muss der Print-Journalismus auf die Medienrevolution auch mit der Erfindung neuer „Formate“ reagieren, in denen er eine Aschenputtel-Aufgabe wahrnimmt: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Die Töpfchen – das sind die neuen Formate, in denen die Datenmenge des Web sortiert und bewertet wird. […] Blogs sind „mehr Demokratie“, bei allen Unwägbarkeiten. Blogs bergen die Chance zu einer neuen bürgerlichen Revolution. Soll da wirklich der professionelle Journalismus die Nase hochziehen, so wie es vor 150 Jahren die etablierten fürstlichen Herrschaften und die monarchischen Potentaten getan haben?

Journalistische Arbeit kann man nicht einfach in PR-Büros, lobbyfinanzierte Werbeagenturen und Schreibbüros auslagern. Genau das geschieht aber: Es besteht wie noch nie seit 1945 die akute Gefahr, dass der deutsche Journalismus verflacht und verdummt, weil der Renditedruck steigt; weil an die Stelle von sach- und fachkundigen, nicht von Interessengruppen bezahlten Journalisten immer öfter […] Produktionsassistenten für Multimedia gesetzt werden, wieselflinke Generalisten, die von allem wenig und von nichts richtig etwas verstehen. Aus dem Beruf, der heute Journalist heißt, wird dann ein multifunktionaler Verfüller von Zeitungs- und Webseiten. Solche Verfüllungsleistung ist allerdings nicht die demokratische Kulturleistung, zu deren Schutz es das Grundrecht der Pressefreiheit gibt.

Aber es gibt den […] Ehrgeiz, das Zeitungssterben und die von [Philip] Meyer berechnete Mortalität zu beschleunigen. Zuletzt hat sich in Deutschland David Montgomery bemüht, der „Berliner Zeitung“ den Journalismus auszutreiben und aus der Zeitung eine Benutzeroberfläche zu machen, auf der immer weniger von dem platziert wird, was Geld kostet (nämlich gute Artikel), aber immer mehr von dem, was Geld bringt (nämlich Werbung und Product-Placement). Das Muster kennt man, wie schon erwähnt, aus den USA: Journalisten werden entlassen, Korrespondenten eingespart, Redaktionen aufgelöst, eigene Texte durch solche von Agenturen ersetzt oder billig eingekauft. Die Chefredaktion verwandelt sich in eine Geschäftsführung. Geist mutiert in Geistlosigkeit. Man spart, bis die Leser gehen. Es ist wie eine absonderliche Version des Märchens vom Rumpelstilzchen: Es wird – aus Geldsucht und Unverstand – Gold zu Stroh gesponnen.

Die gute Zukunft der Zeitung sieht anders aus: Die Tageszeitung muss sich, sie wird sich verändern – sehr viel mehr, als die Konkurrenz von Rundfunk und Fernsehen sie verändert hat. Der Inhalt der Zeitung wird ein anderer sein, als man es bisher gewohnt war, aber sie wird immer noch und erst recht Zeitung sein: Und die Texte, die dort stehen, werden Nachrichten im Ursinne sein müssen – Texte zum Sich-danach-Richten. Es wird auch Texte und Formate geben müssen, die den Datentrash des Internet sortieren, ordnen und bewerten. Das kriegt man nicht umsonst, das kostet. Aber ich glaube, dass sich viele Zeitungsleser das auch etwas kosten lassen werden – und dass es User geben wird, die genau deswegen zur Zeitung finden werden.

Und es wird weiterhin und mehr denn je gelten: Autorität kommt von Autor und Qualität kommt von Qual. […] Dieser Satz verlangt von Journalisten in allen Medien, auch im Internet, dass sie sich quälen, das Beste zu leisten – und er verlangt von den Verlegern, dass sie die Journalisten in die Lage versetzen, das Beste leisten zu können. Dann hat Journalismus eine glänzende Zukunft.

Den vollständigen Text der Eröffnungsrede von Heribert Prantl können Sie hier herunterladen.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Fachjournalismus, Wissensmanagement

Eine Antwort zu “Medienhäuser zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen

  1. Hans-Stefan

    Hallo Jörg, vielen Dank für diesen Artikel. Wir erleben jetzt die Auswirkungen, die das geänderte Konsumverhalten der jüngeren Generation durch den Umbruch der Medienlandschaft mit sich bringt. Viele sagen sich, warum soll ich eine Zeitung kaufen geschweige denn abonnieren wenn ich die Inhalte in http://www.spiegel.de/ usw. kostenlos haben kann. Wie folgender Artikel zeigt, bleibt auch die sogenannte Fachpresse nicht davon verschont. Die Computerzeitung stellt nach 40 Jahren ihre Printausgabe ein.
    http://www.computerzeitung.de/articles/qualifizierte_it-fachinformation_erfordert_eine_gegenleistung:/2009031/32009447_ha_CZ.html?thes=

    Der vielumworbene Leser muss durch Mehrwert bei denn Inhalten überzeugt werden und nicht durch Werbegeschenke beim Abonnieren.

    Grüsse Hans

    ::: Herzlichen Dank für den Hinweis auf den CZ-Artikel, das wusste ich noch gar nicht. Der verlinkte CZ-Artikel passt inhaltlich wirklich gut. :::

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s