Stellenwert des impliziten Wissens von Unternehmen allgemein unterschätzt?

(jm)

SchanzFür einen Professor der Betriebswirtschaftslehre alles andere als selbstverständlich ist eine Publikation zum Thema »Implizites Wissen«. Ebenso alles andere als selbstverständlich seine Aussage, dass der »Stellenwert des so genannten impliziten bzw. ’stillen‘ Wissens für die Erfolgs- und Wettbewerbsposition von Unternehmen […] gemeinhin unterschätzt« wird; ja, dass implizites Wissen für ihn persönlich »eines der attraktivsten und spannendsten betriebswirtschaftlichen Forschungsthemen überhaupt, zumindest gegenwärtig« (2006) sei. Allerdings auch ein anspruchsvolles: »Sich mit implizitem Wissen zu befassen erfordert den interdisziplinären Zugriff; dies zumindest dann, wenn man zu wissenschaftlichen Erklärungen und solchermaßen fundierten Gestaltungs’empfehlungen‘ vordringen will.« Also: neurobiologische Grundlagen, soziokulturelle Bedingtheiten, Lehr- und Lerntheorie, erkenntnistheoretische Implikationen, Intuitionsforschung, Kompetenzforschung, Personal- und Arbeitswissenschaft, Komplexitätstheorie … bis hin zu Führungslehre und Managementforschung. Verständlich, dass Günther Schanz auf nur 130 Seiten nicht alles in der erforderlichen Tiefe und Programmatik behandeln kann; unbenommen jedoch sein Verdienst, als BWL-Professor anno 2006 einen der weiteren pionierhaften Vorstöße in die richtige Richtung gewagt zu haben. Die vergriffene Erstauflage spricht für sich und dürfte ein Argument mehr sein, bald eine interdisziplinär stark erweiterte und aktualisierte zweite Auflage folgen zu lassen. Aus seinem Fazit »Wissensbewusst managen« (S. 123-124) seien hier einige Abschnitte wiedergegeben:

»Angesichts ihres außerordentlich hohen Stellenwerts als Erfolgsfaktor liegt es nahe, auf die Wissensbasis des Unternehmens gestaltend Einfluss zu nehmen. Das ist die Grundidee von Wissensmanagement, einprägsam definiert als „integriertes Interventionskonzept, das sich mit den Möglichkeiten der organisationalen Wissensbasis befasst“ (Probst/Raub/Romhardt 1999, S. 47).

Auf der Grundlage eines derartigen Problemverständnisses stellt sich Wissensmanagement als hochgradig strukturiertes System, das Wissen selbst als hochgradig strukturierbares Managementobjekt dar. Als Elemente, Bausteine oder auch Kernprozesse eines derartigen Systems kommen beispielsweise – hier nicht näher kommentierungsbedürftig – ‚Wissensidentifikation‘, ‚Wissenserwerb‘, ‚Wissensentwicklung‘, ‚Wissens(ver)teilung‘, ‚Wissensnutzung‘ und ‚Wissensbewahrung‘ in Betracht; ferner bedarf es eines grundsätzlichen Nachdenkens über ‚Wissensziele‘ sowie einer ‚Wissensbewertung‘ (vgl. abermals Probst/Raub/Romhardt 1999, S. 53 ff. sowie, in eine etwas andere Richtung weisend, von der Oelsnitz/Hahmann 2003, S. 97 ff.).

Trotz der nicht zu bestreitenden Überzeugungskraft und Nützlichkeit derartiger Systematisierungen stellt sich speziell im Hinblick auf implizites Wissen eine (letztendlich entscheidende) Frage: Lässt sich damit den vielfältigen Eigenheiten dieser Wissenskategorie wirklich Rechnung tragen? Oder zugespitzt formuliert: Ist es überhaupt möglich, diese Wissenskategorie zum Objekt solchermaßen strukturierter Managementbemühungen machen zu wollen?

Wie sich […] gezeigt hat, lässt sich auf das Ausmaß, in dem Unternehmen das implizite Wissen ihrer Mitarbeiter nutzbringend verwerten können, sehr wohl gestaltend Einfluss nehmen. Aber es zeigte sich auch, dass diese Einflussnahme weitestgehend nur indirekt erfolgen kann; so etwa mittels

– Etablieren einer Vertrauenskultur […],

– des unterstützenden Einsatzes von Anreizen und strukturellen Regelungen, die der Wissensartikulation und -teilung förderlich sind […], oder

– eines ganzen Bündels personalwirtschaftlicher Maßnahmen zur Erhaltung und Pflege von Erfahrungswissen […].

Darüber hinaus wurde deutlich, dass die Kommunikation impliziten Wissens arteigenen Regeln folgt, wobei Sprachbilder und verwandte Formen der Visualisierung erfolgreich zur Anwendung kommen können oder sogar müssen […]. All dies lässt sich mit den üblichen Vorstellungen von Wissensmanagement nur schwerlich in Einklang bringen; dies erst recht nicht dann, wenn, wie vielfach üblich, dabei an stark computergestützte Aktivitäten gedacht wird. Implizites Wissen entzieht sich einem derartigen Zugriff.

Wer bereit ist, sich auf sprachliche Differenzierungen einzulassen, wird keine Mühe haben, einen beträchtlichen Unterschied zwischen

– ‚Wissen managen‘ und

– ‚wissensbewusst managen‘

zu sehen. Anders als die pauschale Rede von ‚Wissen managen‘ (Probst/Raub/Romhardt 1999) versteht sich ‚wissensbewusst managen‘ als praktische Heuristik für den Umgang mit einer Ressource, die sich durch ein hohes Maß an ‚Eigenwilligkeit‘ auszeichnet und sich folglich auch nicht „beliebig erwerben, aufbewahren, teilen, transportieren, weitergeben“ (Aulinger/Fischer 2000, S. 663) lässt.

Der gestalterische Zugriff auf implizites Wissen kann nur dann erfolgreich sein, wenn er im Bewusstsein der Eigenheiten dieser Wissenskategorie erfolgt. Rechnung tragen lässt sich diesen Eigenheiten insbesondere durch Kontextgestaltung (vgl. auch Güldenberg/Helting 2004, S. 531 f.), d.h. mittels eines adäquaten Managements des Bedingungsrahmens, in dem die Träger impliziten Wissens agieren bzw. in den sie ‚eingebettet‘ sind.«

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Eingeordnet unter Kompetenzmanagement, Organisationales Hochleistungsmanagement, Unternehmenskultur, Wissensmanagement

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