Prägen oder geprägt werden: Vom Umgang mit den globalen Massenmedien

(jm)

Der Anthropologe Arnold Gehlen hat in seinen Forschungen die ethische Umwelt des Menschen als ethischen Nahbereich beschrieben. Damit ist zum Ausdruck gebracht, dass der Mensch gewöhnlich in einem überschaubaren nah-ethischen Bereich moralisch, emotional und sozial kompetent handeln kann. Dieser überschaubare Kreis (Nahoptik) ist ursprünglich jener unserer eigenen Erfahrung – das heißt der, den wir mit unseren Sinnen unmittelbar erfahren. Wird dieser Bereich zu groß und abstrakt, verliert der einzelne in der Regel die Übersicht und auch die persönliche Energie, um Großbereiche kompetent zu bewältigen. Die moralische, emotionale und soziale Energie erlahmt; die personale Ethik stagniert. Kompetenzen sind äußerst kontextsensitiv.

Gegenwartsmedien wie Internet und Fernsehen wirken nun – im Vergleich zu unserem eigenen Sinnesorgan »Auge« – wie ein gigantisches, teleskopisches »Mega-Auge«, dessen optisches Gegenstandsfeld nahezu jeder beliebige Punkt auf dem Globus sein kann. Mit dieser »medialen Organpotenzierung« vermag sich der Mensch einer schier unendlichen Daten- und Informationsmenge auszusetzen, die ihn (z.B. in Nachrichten und Reportagen) rund um die Uhr vornehmlich mit erschütternden, erschreckenden und grauenhaften Details über sogenannte »Krisen- und Brennpunkte« eindeckt und mental in Beschlag nimmt. Es entsteht ein eigentümliches Dilemma: Der »medialen Organpotenzierung«, dem »Mega-Auge« Internet oder Fernsehen, entspricht keine auch nur annähernd gleichmächtige ethisch-moralische Potenzierung des persönlichen Eingreifenkönnens. Wie gesagt: Kompetenzen sind kontextsensitiv.

Als Konsequenz dieses Dilemmas tritt ein Ohnmachtsgefühl auf, das reales menschliches Leid als »neutralisierte Information« konsumiert und als mediales »Hintergrundgeräusch« verinnerlicht. Man ist zwar prinzipiell »allwissend«, aber eben nicht »allmächtig« geworden. Ein angeblicher Weltbürger einer globalen Wissensgesellschaft – aber weitgehend ohne wirkliche Handlungskompetenz und Eingriffschancen. Die traurigen Folgen dieser »medialen Organpotenzierung« heißen in der Regel: Abstumpfung und Gewöhnung an Leid und Unglück, Passivismus der Ohnmächtigen, verwirrende Reizüberflutung, Nervosität und Gereiztheit, Dunkelräume und Desorientierung, Handlungslähmung und persönlicher Raubbau am Reservoir emotionaler Stabilität. Im Meer der omnipräsenten globalen »Hiobsbotschaften« verpufft damit schnell der kostbare Rest jener persönlichen nah-ethischen emotionalen, sozialen und moralischen Energiereserven, deren fokussierten Einsatz im Vor-Ort-Kontext jede wissensbasierte Organisation aktuell so dringend benötigt.

Die großen Transformationskräfte der globalen Massenmedien, ihre ungeheure Umformungsmacht für menschliches Selbst- und Weltverständnis, können nur durch ein umfangreiches eigenes Ordnungsrepertoire an persönlichen »Gegengewichten« ausbalanciert werden; von denen wiederum nur ein Bruchteil durch Techniken des »persönlichen Wissensmanagements« abgedeckt und verbessert werden kann: Ungeachtet guter Theorieansätze setzt dieses Methodeninventar gleichsam einen gewissen Sockel an »privater psychologischer Grundimmunisierung« bereits als vorhanden voraus; sozusagen eine zeitgemäße mediale Ausstattung mit ausreichend »Antikörpern« gegen unbewusste Selbst- und Fremddemontage.

Das Vorhandensein dieser persönlichen »psychologischen Grundimmunisierung« ist jedoch keineswegs selbstverständlich: Zu viele Menschen sind heute privat und beruflich mit der Herstellung, Benutzung und Instandhaltung technischer Errungenschaften derart in Anspruch genommen, dass sie für ihre »innere Selbstkultivierung« zugunsten ihrer Kunden und potenziellen Zielgruppen entweder keine Zeit oder keine Kraft mehr haben – und sich entgrenzen und zersplittern auf Kosten ihrer persönlichen und gemeinschaftlichen wissensbasierten Innovationspotenziale. Wir ziehen so ungedeckte Schecks auf unsere gesundheitliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft und leben aktuell, um mit Novalis zu sprechen, »von der Frucht besserer Zeiten«. – Hinzugefügt sei: Noch.

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Eingeordnet unter Innovationsmanagement, Kompetenzmanagement, Organisationales Hochleistungsmanagement, Unternehmenskultur

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