Wissensperspektive, BilMoG und Projektmanagement

(jm)

Mit dem Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz (BilMoG) ist am 29.05.2009 die wohl größte Überarbeitung der handelsrechtlichen Bilanzierungsregeln in Kraft getreten, die der deutsche Gesetzgeber seit dem Bilanzrichtliniengesetz (1986) auf den Weg gebracht hat. Mit diesem Artikelgesetz verfolgt der Gesetzgeber laut Regierungsentwurf die Absicht, im Hinblick auf die internationalen IFRS »das bewährte HGB-Bilanzrecht zu einer dauerhaften und im Verhältnis zu den internationalen Rechnungslegungsstandards vollwertigen, aber kostengünstigeren und einfacheren Alternative weiterzuentwickeln, ohne die Eckpunkte des HGB-Bilanzrechts […] und das bisherige System der Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung aufzugeben.«

Zu den wohl interessantesten Änderungen aus Sicht einer unternehmensbezogenen Wissensperspektive gehört die Änderung des § 248 Abs. 2 HGB, der das bisherige Aktivierungsverbot für selbst geschaffene immaterielle Gegenstände des Anlagevermögens lockert – und damit auf dem Weg zur wissensbasierten Gesellschaft der zunehmenden Bedeutung immaterieller Vermögensgegenstände im Wirtschaftsleben Rechnung trägt. Von diesem neuen Aktivierungswahlrecht profitieren insbesondere innovative Mittelständler sowie »Start-Up-Unternehmen« in dem Maße, wie sie durch aktivierungsfähige selbst erstellte immaterielle Vermögensgegenstände ihre bilanzielle Außendarstellung und ihre Adressateninformation verbessern können.

Allerdings hebt der Gesetzgeber das bisherige Aktivierungsverbot nicht in vollem Umfang auf: »Marken, Drucktitel, Verlagsrechte, Kundenlisten oder vergleichbare immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens«, die nicht entgeltlich erworben worden sind, bleiben auch nach der neuen Gesetzeslage weiterhin mit einem Aktivierungsverbot belegt. Der Gesetzgeber begründet dies damit, dass bei diesen selbst geschaffenen immateriellen Vermögensgegenständen keine eindeutige rechnerische Abgrenzung der aktivierungsfähigen Aufwendungen zum selbst geschaffenen Geschäfts- und Firmenwert möglich sei. Um dem handelsrechtlichen Vorsichtsprinzip und dem Gläubigerschutz auch nach der neuen Gesetzeslage zu genügen, koppelt der neue § 268 Abs. 8 HGB diesbezügliche Gewinne mit einer Ausschüttungssperre.

Für die Bewertung ist (analog zu den IFRS) die Trennung von »Forschung« und »Entwicklung« entscheidend: Hier zog der neue § 248 Abs. 2 HGB natürlich Änderungen im § 255 HGB (Bewertungsmaßstäbe) nach sich. Hier definiert der Gesetzgeber nun im neuen Absatz 2a, ab welchem Zeitpunkt Herstellungskosten aktiviert werden können, die während der Entwicklung eines immateriellen Gegenstandes des Anlagevermögens anfallen:

»Herstellungskosten eines selbst geschaffenen immateriellen Vermögensgegenstands des Anlagevermögens sind die bei dessen Entwicklung anfallenden Aufwendungen nach Absatz 2. Entwicklung ist die Anwendung von Forschungsergebnissen oder von anderem Wissen für die Neuentwicklung von Gütern oder Verfahren oder die Weiterentwicklung von Gütern oder Verfahren mittels wesentlicher Änderungen. Forschung ist die eigenständige und planmäßige Suche nach neuen wissenschaftlichen oder technischen Erkenntnissen oder Erfahrungen allgemeiner Art, über deren technische Verwertbarkeit und wirtschaftliche Erfolgsaussichten grundsätzlich keine Aussagen gemacht werden können. Können Forschung und Entwicklung nicht verlässlich voneinander unterschieden werden, ist eine Aktivierung ausgeschlossen.«

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach dem genauen Zeitpunkt des Übergangs von der Forschungs- zur Entwicklungsphase – die gleichbedeutend mit der Abgrenzung von »Forschung« und »Entwicklung« ist – entscheidende Bedeutung bereits für das professionelle Projektmanagement, denn lediglich die trennscharf zu erfassenden Entwicklungskosten dürfen überhaupt aktiviert werden. Der genaue Übergangszeitpunkt von der Forschungs- zur Entwicklungsphase ist daher in jedem Einzelfall gesondert zu dokumentieren (Meilenstein) und bilanzrechtlich zu beurteilen.

Der Wortlaut des neuen § 255 Abs. 2a HGB verdeutlicht darüber hinaus, dass das Aktivierungswahlrecht nicht erst auszuüben ist, wenn bereits ein selbst geschaffener immaterieller Vermögensgegenstand des Anlagevermögens vorliegt, sondern die Aktivierung im Grunde schon bei der Entwicklung zu erfolgen hat. Dies wiederum setzt eine Zukunftsprognose des bilanzierungspflichtigen Unternehmens voraus, inklusive einer Aussage über die Einzelverwertbarkeit und den zukünftigen wirtschaftlichen Nutzen des  Vermögensgegenstandes. Im Zeitpunkt der Aktivierung – gleichsam ex ante – muss demnach mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden können, dass ein einzeln verwertbarer immaterieller Vermögensgegenstand des Anlagevermögens zur Entstehung gelangt. Dies erhöht die Anforderungen an professionelles Projektmanagement. Kann die zukünftige Vermögensgegenstandseigenschaft hingegen nicht bejaht werden, kommt die Aktivierung der Entwicklungskosten nicht in Betracht. Aufgrund des bisherigen Aktivierungsverbots ist zudem davon auszugehen, dass viele Unternehmen kostenrechnerisch noch nicht auf die genauen Anforderungen zur Ermittlung der aktivierungsfähigen Entwicklungskosten vorbereitet sind.

Fazit: Für das professionelle Projektmanagement gehört daher schon anno 2009 – neben vielen anderen Gesetzen – auch das neue BilMoG zu den Stakeholdern einer Stakeholderanalyse. Beziehen Sie am besten umgehend Ihren Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer mit in Ihre Forschungs- und Entwicklungsprojekte ein: Kann nämlich der Zeitpunkt des Übergangs von der Forschungs- zur Entwicklungsphase (Meilenstein) nicht hinreichend nachvollziehbar und plausibel dargelegt werden, d.h. sind Forschungs- und die Entwicklungshase nicht verlässlich trennbar, so sind alle angefallenen Aufwendungen für selbst erstellte immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens – dem Vorsichtsprinzip folgend – aufwandswirksam zu erfassen und nicht aktivierungsfähig.

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Eingeordnet unter Projektmanagement, Rechtliche Aspekte, Wissensmanagement

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