Wissensgestaltung als Kulturfrage

(jm)

MassdesMenschen»Wer, der den Erdkreis bereist, mit fremden Ländern Handel treibt, völkerkundliche Sammlungen in Augenschein nimmt oder die Berichte einschlägiger Forschungen liest, wird leugnen wollen, daß die Lebenswelt des Menschen überall in allen Kontinenten beides hat: die ritualisierten Formen materieller Existenzbesorgung sowohl wie auch jene anderen, langen Traditionen entstammenden Institutionen sinnorientierter Daseinsgestaltung. Dies ist die feststellbare Doppelwelt der Phänomene und Noeme, das duale Panorama der den Erdkreis vielfach verschieden ‚kulturierenden‘ Kultur: an der Erscheinung (Phänomen) hängt ja der Mensch, und ohne ihre Materialität kann er nicht leben; das Bewußtsein aber des ihm Erschienenen (Noem) macht den Lebenden erst recht lebendig, der durch den seiner selbst bewußten Geist zu sich und zum anderen und zum handelnden Umgang mit den Dingen kommt« (Edel 1997:14).

Gefüllte Bibliotheken dokumentieren hinreichend die Tatsache, dass weder das Prinzip »Geist« (die Ideen) noch das Prinzip »Materie« (als »Blindenführer«) – jeweils für sich allein genommen – das Leben und die kulturelle Lebenswelt des Menschen tiefstreichend begründen: Sowohl im isolierten Namen des »Geistes« (= Top-down) als auch im isolierten Namen der »Materie« (= Bottom-up) geschahen über Jahrtausende die größten Verbrechen an Menschheit und Gesellschaft; wobei diese letztgültigen Prinzipien (bzw. Konzipien) auch als Platzhalter beliebiger »Werte« verwendet wurden und werden (z.B. Kriege im Namen der »Freiheit«, Revolutionen im Namen der »Gerechtigkeit«, Völkermorde im Namen des »Friedens«; neuzeitlich: Ressourcenausbeutung im Namen des »Markterfolgs«, Massenentlassungen im Namen des »Shareholder Value«).

Beide letztbegründende Prinzipien – jeweils für sich allein genommen und mit beliebigen Platzhalter-Wertbenennungen gefüllt – sind bereits vielfältig als Grundgerüst prominenter (Unternehmens-)Kulturtheorien, manchmal als luftige »Mitte« ganzer (Unternehmens-)Philosophien fehlverwendet worden. Zuweilen eine imaginäre »Mitte«, die sich in Organisationen bei der kleinsten Stress- und Belastungsprobe als überdimensionierte Staffage eines »goldenen Nichts« entpuppt: Ihre Leistungsschwächen im Bereich der (unternehmens-)kulturellen Wirklichkeitsabbildung werden oft durch methodische oder sprachliche Hilfskonstruktionen oder semantische Turbulenzen in Hochglanz-Broschüren überbrückt, lassen sich jedoch treffsicher in der Praxis mit dem Fehlen des jeweils anderen, komplementär notwendigen Ergänzungsprinzips markieren. Einseitige Konzentration auf eines der beiden Komplementär-Prinzipien führt übrigens nicht nur zu Mängeln (unternehmens-)kulturtheoretischer Strukturen und Prozesse, sondern auch zu prominenten Fehldeutungen der Dynamik der Unternehmens-, Völker- und Weltgeschichte.

Natürlich kann man die Zweinatur (Dual-Identität) einer realitätsdichten (Unternehmens-)Kultur nicht gründen und begründen, indem man sie monistisch zerbricht oder das eine Komplementärprinzip (z.B. nur »Top-down« im Namen einer Unternehmensstrategie) zur Begründung des anderen hochstilisiert; jedoch verfehlt die realitätsdichte Begründung auch der, der in der dualen Zusammensetzung beider Kulturprinzipien (»Gegenstromverfahren«) schon das Grundgerüst ihrer Begründung sieht: Sobald nämlich in Krisenpunkten der Welt- oder Unternehmensgeschichte jede einseitige theoretische Modellgrundlegung erdrutschartig wegbricht, wird nicht nur die Kraftlosigkeit monistisch geprägter (Unternehmens-)Kulturen spürbar, sondern auch der immanente Orientierungsmangel sämtlicher Scheindualismen (z.B. »Körper und Geist«, »Innen und Außen«, »Yin und Yang«, »Top-down und Bottom-up«). Genauer besehen sind diese »Ausgewogenheiten« nichts als altbackener platonischer Monismus in Gestalt seiner Verteilung auf jeweils für notwendig gehaltene (polare oder duale) Rollenspiele; machen sie doch die vielschichtige Dynamik, Komplexität und Sinngebung des menschlichen, kulturellen, lebensweltlichen Prozessgefüges weder sicht- noch verstehbar.

Angesichts der vielerorts beklagten und blockierenden »Theorienot der Wissenschaften« – als Folgedefizite des platonisch-aristotelischen Paradigmas – drängen Fragen auf Antwort: Wie baut sich im 21. Jahrhundert eine realitätsdichte (Unternehmens-)Kultur in ihren tiefsten Grundlegungen bzw. Letztbegründungen auf? Was hat heutzutage eine realitätsdichte (Unternehmens-)Kultur in Bezug auf sämtliche menschliche Ressourcen und Dispositionen zu leisten, ohne irgendeine Wirklichkeitsschicht auszublenden? Und: was bedeutet es für die menschliche Kontext- und Wissensgestaltung in Organisationen und Netzwerken, beide Pole kulturwissenschaftlicher Grundpositionen »unvermischt und ungetrennt« so im Auge zu behalten und im Umgebungsdialog in der eigenen Person zu vereinigen, dass sie sämtliche lebensweltliche Wirklichkeit unverkürzt und angemessen bewahrt, pflegt, fördert, entwickelt und hieraus letztlich marktrelevante immaterielle Erfolgspotenziale »verleiblicht« und im täglichen Marktgeschehen zu gesellschaftlichem Nutzen »in Fleisch und Blut« überführt?

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Eingeordnet unter Organisationales Hochleistungsmanagement, Strategieforschung, Unternehmenskultur, Wissensmanagement

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