Implizites Wissen als Phänomen und Erfolgsfaktor

(jm)

Was genau »implizites Wissen« ist, lässt sich kaum mit einer knappen und trennscharfen Definition zum Ausdruck bringen. Nach wie vor unverzichtbar dürften auch heute noch Michael Polanyis kenntnisreiche Phänomenbeschreibungen sein, die im Wesentlichen »von der Tatsache handeln, dass wir über Wissen verfügen, dessen klare Artikulation außerordentlich schwierig und mitunter sogar unmöglich ist« [Schanz 2006: 1-2]. Auf den weitgehend unbewussten Charakter des impliziten Wissens im Alltag weist auch der Artikel »Implizites Wissen als Vertragsbestandteil« hin.

Viele konkludente Handlungen sind inzwischen derart tief in kollektive Gewohnheiten und soziokulturelle Muster überführt, dass sie Menschen dabei die gleichzeitige individuelle Bewusstmachung und Artikulation wissensbasierter Prozesse erschweren. Probieren Sie es selbst aus: Angenommen, Sie legen beispielsweise im Supermarkt Ihren Einkauf nicht einfach – wie es gesellschaftlich als akzeptiert gilt – wortlos auf das Kassenband, um Ihre Willenserklärung körperlich konkludent zum Ausdruck zu bringen, sondern erklären der Kassiererin zusätzlich in Worten, dass Sie Kunde dieses Supermarktes seien und warum Sie genau diese Artikel in dieser oder jener Beschaffenheit kaufen, so wirkt in diesem Kontext Ihr Artikulationsversuch Ihres impliziten Vertragswissens überflüssig, sozial deplatziert und für alle übrigen Beteiligten überfordernd. In zahlreichen Geschäften wirken Sie damit mindestens so »daneben« wie der Filmcharakter Heinrich Lohse (gespielt von Vicco von Bülow) in der Komödie »Pappa ante Portas«, als er beim Betreten eines Lebensmittelgeschäftes in die Runde der übrigen verdutzten Kunden erklärt: »Mein Name ist Lohse! Ich kaufe hier ein!«

In vielen Lebensbereichen ist es also zur unausgesprochenen gesellschaftlichen und kulturellen Norm geworden, sein implizites situatives Kontextwissen eben nicht zu artikulieren. Die Kehrseite und Konsequenz: Letzten Endes bleibt damit vielen Unternehmen überlebenswichtiges, geschäftsprozessrelevantes implizites Kunden- und Mitarbeiterwissen verborgen – genauso wie es den meisten Trägern dieses impliziten Wissens vor sich selbst verborgen bleibt.

Machen Sie die Probe aufs Exempel: Nehmen Sie Ihre implizite Kenntnis der deutschen Verben. Nehmen Sie einerseits Verben, die auf »-ieren« enden (z.B. rasieren, flanieren), und andererseits Verben, die beliebige andere Endungen aufweisen (z.B. schneiden, laufen, springen, bloggen). Gemäß welcher Regel bilden Sie das Partizip Perfekt beider Verbengruppen? Wenn Sie die explizite Regel nicht wissen, befinden Sie sich in guter Gesellschaft: Die explizite Regel „Verben, die auf ›-ieren‹ enden, bilden ihr Partizip Perfekt ohne ›ge-‹“ kennen meistens nur jene Menschen, die »Deutsch für Migranten« unterrichten. Also: »gesprungen, gelaufen, geschnitten, gebloggt«, aber: »rasiert, flaniert« – und eben nicht »gerasiert, geflaniert«. Vom Grundschüler bis zum Wissenschaftler bildet nahezu jeder aufgrund seiner impliziten Grammatikkenntnisse das Partizip Perfekt beider Verbengruppen jeweils intuitiv richtig – und das, auch ohne die explizite Regel zum Ausdruck bringen zu können.

Und es kommt noch besser: Vom Grundschüler bis zum Wissenschaftler vermag nahezu jeder aufgrund seiner impliziten Grammatikkenntnisse sogar Verben korrekt zu beugen, die es im Deutschen überhaupt nicht gibt. Überzeugen Sie sich: Erfinden Sie einfach zwei deutsche Verben, die es nicht gibt – von denen eines auf »-ieren« endet. Beispielsweise »parseln« und »parsieren«. Bilden Sie nun das Partizip Perfekt. Warum sagen Sie in dem einen Fall: »Wir haben gestern Abend geparselt« – eben mit der Vorsilbe »ge-« –, während Sie in dem anderen Fall sagen: »Wir haben gestern Abend parsiert« – eben ohne die Vorsilbe »ge-«? Woher können Sie (grammatikalisch korrekt) nicht-existente deutsche Verben konjugieren? Und woher können es all die anderen Menschen ebenfalls, denen Sie diese Aufgabe stellen – und die wahrscheinlich ebenfalls nicht auf Anhieb die explizite Regel kennen? Wann haben Sie dies gelernt, und warum vergessen Sie dies nicht? Könnte dies … implizites Wissen sein?

»Die Kehrseite des Erlernens ist bekanntlich das Vergessen. Auch [hieran] lässt sich ein Charakteristikum impliziten Wissens festmachen. Während es beim expliziten Wissen – und dabei vor allem beim […] Welt- und Expertenwissen – in der Regel nicht einfach ist, es längerfristig im Gedächtnis zu behalten, ist implizites Wissen weitgehend ‚vergessensresistent’. An den Fertigkeiten des […] Fahrradfahrens oder des Klavierspielens lässt sich dies gut demonstrieren: Einmal erlernt, können wir praktisch nicht vergessen, wie man Fahrrad fährt oder Klavier spielt« [Schanz 2006: 42]. Oder wie man aufgrund seiner impliziten Grammatikkenntnisse sogar grammatikalisch korrekt Verben konjugieren kann, die es überhaupt nicht gibt – und das, ohne die explizite Regel formulieren zu können.

 

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