Wie wählen Journalisten »ihre Experten« aus?

(jm)

SpezialisierungFür den neuen Herausgeberband »Spezialisierung im Journalismus« steuerte Daniel Nölleke aus Sicht der anwendungsorientierten Forschung den Artikel »Die Konstruktion von Expertentum im Journalismus« (S. 97-110) bei. Mir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen. Unterfüttert von Beispielen lautet seine Ausgangsthese, »dass die Grundlage für den Auftritt als Experte in der Medienberichterstattung nicht stets das überlegene Wissen zu sein scheint; offensichtlich wird dies um andere Faktoren ergänzt oder von diesen gar verdrängt« (S. 97). Welche anderen Faktoren könnten dies sein?

Nölleke argumentiert aus einer systemtheoretisch-konstruktivistischen Perspektive, »dass gesellschaftliche Teilsysteme Expertentum immer vor ihrem systemspezifischen Sinnhorizont konstruieren«. Expertentum existiert daher nicht autonom, so der Autor, sondern »als Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses« (S. 98) in Relation zu einer Zielgruppe von Laien. Vor der Hintergrundfolie der »Wissensgesellschaft« skizziert Nölleke, dass der Einzelne – verstärkt durch Individualisierung und persönliche Herauslösung aus sozialen Netzwerken – sein eigenes handlungsrelevantes Wissen kaum noch über sein direktes Lebensumfeld zu erwerben vermag. Für die wenigsten Probleme findet der Einzelne kompetent empfundene Wissensexperten im persönlichen Nahbereich. Es gehört daher zu den zentralen Aufgaben der Massenmedien, relevante Experteninformationen zu selektieren, aufzubereiten und zu verbreiten. Über das erforderliche Expertenwissen verfügen Journalisten jedoch nur in Ausnahmefällen. Der Stellenwert benötigter Experten wächst im Journalismus also in dem Maße, wie sich »der Journalismus selbst ausdifferenziert und die Spezialisierung fortschreitet« (S. 100). Wie wählen Journalisten ihre benötigten Experten nun aus, welche Selektionskriterien wenden sie in der Praxis – bewusst oder unbewusst – an?

Nölleke suchte sich Interviewpartner: also Journalisten, die wortwörtlich schildern, nach welchen Kriterien sie Experten auswählen. Einer der Journalisten plauderte über seine Produktionsroutinen aus dem Nähkästchen, dass er bei seiner Expertenauswahl schon vorher wisse, »in welche Richtung der [Experte] tickt und man den entsprechend einsetzt; dann aber aufgrund der Ausgewogenheit noch einen anderen Experten dagegen stellt, der die entgegengesetzte Meinung hat, was man natürlich auch schon vorher weiß.« Strategischer Einsatz sog. Experten also aus Opportunitätsgründen, um die Ausgewogenheit der Berichterstattung zu wahren (bzw. zu simulieren). Insgesamt filtert Nölleke folgende Kriterien heraus, nach denen Journalisten ihre »Experten« auswählen und somit zur medialen Konstruktion eines Expertenstatus beitragen (vgl. S. 107):

– Fachkompetenz (akademische Ausbildung / Erfahrungswissen)
– Status bzw. Prominenz
– Sprachliche Kompetenz (Prägnanz der Darstellung)
– Meinungsstärke
– Attraktives Erscheinungsbild
– Authentischer Medienauftritt
– Sofortige terminliche Erreichbarkeit
– Zuverlässigkeit
– Vorhersehbarkeit der Statements
– Vorherige Medienauftritte

Das spezifische und aus Kundensicht relevante Fachwissen macht oft nur den geringsten Teil solcher »Expertise« aus. Innerhalb dieser Kriterien verstärken sich Selbstbezüglichkeiten und gegenseitige Rückwirkungen noch systemisch innerhalb der gesamten Medienbranche: Da sich Journalisten vor allem durch intensive Beobachtung anderer Medienangebote einen Eindruck verschaffen über die Tauglichkeit von »Experten« für einen geplanten Beitrag im eigenen Medium, wird die bisherige Medienpräsenz eines Experten bereits zu einem eigenständigen Selektionskriterium und mithin zum medialen Nachrichtenwert. Anders gesagt: Zeitung A schreibt echoartig einem meinungsstarken Akademiker nur deshalb »Expertise« zu, weil die Zeitungen B und C ihm schon vorher »Expertise« zugeschrieben hatten (vgl. »Matthäus-Effekt«, »wer hat, dem wird gegeben«, Merton 1973: 439ff.).

Daher ist es gerade in einer wissensbasierten Gesellschaft und ihren Medienangeboten für jeden hilfreich, sich auch bei der Auswahl seiner eigenen persönlichen »Experten« immer wieder zu vergegenwärtigen, von welchen impliziten Annahmen er sich bei seinen eigenen mentalen Zuschreibungsprozessen von Expertentum leiten lässt. Im einen oder anderen Fall potenziert sich auf die beschriebene Weise ein »Prominenzierungsmechanismus«, der kaum noch etwas mit Qualität der Wissensexpertise aus Zielgruppensicht zu tun hat, und eher an die groß angelegte Inszenierung eines medialen Zirkusbetriebes erinnert, der sich allmählich ablöst – und zwar von der Welt außerhalb der eigenen »Umlaufbahn«.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Expertenpositionierung, Fachjournalismus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s