Umbrüche in der Medienlandschaft

(jm)

Spezialisierung»Spezialisierung im Journalismus« lautet der Titel des neuen, vor wenigen Tagen erschienenen Herausgeberbandes der Journalistikprofessorin Beatrice Dernbach. Die 19 Beiträge dieses Sammelbandes skizzieren unter wissenschaftlichen und praktischen Gesichtspunkten mosaikartig die aktuellen Umrisse einer immer stärkeren Ausdifferenzierung des Medienpublikums in kleinere und kleinste Interessengruppen. Facettenreich beleuchten die Autoren positive Aspekte und Chancen dieser Spezialisierung (z.B. vertiefende Orientierung, hohe Zielgruppenakzeptanz, Konstruktion von individuellem Nutzwert), verhehlen aber auch nicht drängende Problemlagen (»wenn beispielsweise die Nutzerzahlen zu gering sind, um eine solide Refinanzierung professioneller Arbeit im Journalismus zu ermöglichen«, S. 21).

Deutlich wird insbesondere, »dass Spezialisierung kein einfach zu fassendes Phänomen ist, welches mit einem einheitlichen Generaltrend zu beschreiben wäre. Auch ist die Spezialisierung im Journalismus kein Gegenmodell zur Generalisierung: Beides sind gleichzeitig existierende Aspekte eines sich verändernden Feldes. Diese Veränderungen bringen gerade für hoch spezialisierte Formen des Journalismus Herausforderungen mit sich […]: So wird in Internet-Foren teilweise Experten-Wissen hoher Qualität generiert, welches selbst im Very-Special-Interest-Journalismus so nicht vorkommt. Andererseits werden in Communities auch Fehlinformationen und Gerüchte verbreitet, mithin auch in solchen Communities, die journalistische Anbieter für ihre Nutzer eingerichtet haben. Die neue Konkurrenz bekommen auch viele etablierte Anbieter eines spezialisierten Journalismus zu spüren, nicht zuletzt durch sinkende Leser- bzw. Nutzerzahlen. Doch gleichzeitig entstehen auch innovative journalistische Angebote, die eine noch differenziertere Spezialisierung für kleine und kleinste Nutzergruppen bieten, welche sich dann umso stärker mit ‚ihren’ Angeboten identifizieren« (S. 20-21).

Kenntnisreich zeichnen die Autoren die entgrenzten Konturen starker (auch organisationaler) Umbruchprozesse in der digitalen und printbasierten Medienlandschaft nach – und weisen darauf hin, »dass sich hinter Begriffen wie Aus- und Entdifferenzierung, Ausfransung und Entgrenzung nicht nur eine Frage des Wandels von Medienberufen und eine eventuelle Neuformierung von Berufsrollen verbirgt« (S. 80), sondern die Prozesse ebenso angesehen werden können als ein »Problem mit den Grenzen hermetischer (wissenschaftlicher) Begrifflichkeiten, die angesichts der Veränderungen in der Medienwelt zunehmend weniger zutreffend sind« (S. 80). »Während die zu erklärenden Phänomene flexibel zu sein scheinen, bleiben die Realitätskonstruktionen [der Medien- und Journalismuswissenschaften] starr – und zerbrechen an ihrer Rigidität« (S. 80).

Es gehört wohl zum wissenschaftlichen Theoriedefizit, ja zur Theorienot der Medien- und Journalismuswissenschaften, dass ihre überkommenen monodimensionalen Unterscheidungskriterien in der Vergangenheit sozusagen theoretische Grenzziehungen konstruiert haben, die empirisch entweder nicht mehr oder nicht mehr in der »theoretisch vorgeschriebenen« Form anzutreffen sind. Das Problem der Rigidität von Definitionen wird dadurch nicht gelöst, sondern – im Gegenteil – verschärft.

Hierzu zählen einerseits organisationale Grenzziehungen, die in der Praxis aufweichen und sich zu individuellen wissensbasierten Projektteams und virtuellen Kooperationen ausgestalten, andererseits zählt hierzu auch die Grenzziehung der klassischen Rollenverteilung »professionelle Journalisten hier, konsumierende Kunden dort«. Es passt eben nicht in das selbsterschaffene Idealbild einer speziellen, »meist als ‚Mainstream der Journalismusforschung’ bezeichnete[n] Systemtheorie«, wenn sich bisher brave Nur-Leser (d.h. reine Journalismuskonsumenten) nicht mehr mit der notdürftig wöchentlich zugestandenen Alibiseite namens »Leserbriefe« begnügen. Vielmehr wachsen Leser auch ihrerseits auf wissensbasierten Spezialgebieten in eine fachjournalistische Expertise hinein und übernehmen in Communities zusätzlich eine journalistische Experten-, Führungs- und Produzentenrolle, hinter der gestandene journalistische Allrounder oft lahmen Fußes hinterherhinken und von der auch etablierte Journalistenverbände viel lernen können – aber dies noch zu wenig tun.

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Eingeordnet unter Fachjournalismus, Projektmanagement

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