Unsere nationale »Wissensbilanz« vor 44 Jahren

(jm)

Manchmal ist es spannend, der Frage nachzugehen, wann ein heute allgemein üblicher Begriff zum allerersten Mal in Sprachgebrauch oder Literatur auftaucht – und vor allem, in welchem Zusammenhang. Konzeptionelle Einbettung erfährt solche Forschungstätigkeit nicht zuletzt durch die »Theorie der schwachen Signale« nach Igor Ansoff: »Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus«, weiß der Volksmund – und er beschränkt diese landläufige Einsicht nicht auf unternehmerische strategische Frühaufklärung oder die betriebswirtschaftliche Disziplin des Risikomanagements.

Für einen Blog, der sich mit Wissensmanagement beschäftigt, bietet sich beispielsweise der Begriff »Wissensbilanz« an, wie er auch in der »Wissensbilanz – Made in Germany« anklingt. Also: Wer hat als erster den Begriff der »Wissensbilanz« verwendet? Wer hat’s erfunden? Vielleicht jemand aus der Wissensmanagement-Community? Falsch geraten. Es war Diether Stolze, Chef der Wirtschaftsredaktion der »Zeit«, in dem Zeit-Artikel »Mehr Geld für unsere Zukunft« vom 05.02.1965. Allerdings scheint er den Begriff der »Wissensbilanz« damals mehr im Sinne einer bundesdeutschen Außenhandelsbilanz für Patente und Lizenzen verstanden zu haben, denn er schreibt: »In der Tat: unser Land, das noch vor wenigen Jahrzehnten unter allen Nationen die größte Zahl naturwissenschaftlicher Nobelpreisträger aufzuweisen hatte, ist zum Kostgänger der Wissenschaft anderer Staaten geworden. Wir müssen heute mehr als dreimal soviel Geld für ausländische Lizenzen ausgeben, wie wir durch den Verkauf eigener Patente einnehmen: unsere ›Wissensbilanz‹ ist mit mehr als 500 Millionen Mark passiv.«

Diether Stolzes damaliges Verständnis von »Wissen« erklärt sich zwei Sätze später: »Aber kann das ein Trost dafür sein, daß wir heute in so hohem Maß gezwungen sind, Wissen zu importieren?« Heute wissen wir: Diese Vorstellung von Wissen als »Importware« in Form von Patentlizenzen verträgt sich nicht besonders mit dem Verständnis von Wissen als individueller, personengebundener Konstruktionsleistung.

Über die »Wissensbilanz« der BRD anno 1965 erfahren wir im nächsten Abschnitt: »Zum ersten Mal versucht nun die Bundesrepublik, sich über ihren Rückstand in Wissenschaft und Technik Rechenschaft abzulegen. Der „Bundesbericht Forschung I“, den Wissenschaftsminister Hans Lenz vorgelegt hat, bietet für jeden, der zu lesen versteht, auf 210 Seiten eine vernichtende Bilanz unserer Versäumnisse: heute fehlt es uns an allem, an Geld und an ausgebildeten Menschen.«

Kaum auszudenken, wenn diese Rechenschaftslegung schon damals auch die »weichen Erfolgsfaktoren« der BRD mit einbezogen hätte und mit Unterstützung der Toolbox der »Wissensbilanz – Made in Germany« möglich gewesen wäre – und es seitdem eine »Große Koalition« implementierungswilliger Politiker gegeben hätte …

 

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Eingeordnet unter Wissensbilanz - Made in Germany, Wissensmanagement

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