Anregung zur Neuauflage des »Impliziten Wissens«

(jm)

mpolanyi»Oft schien mir, als könnte man explizit nur mitteilen, was den Kern des eigenen Könnens und Verstehens nicht wirklich ausmacht. Bei allem Bemühen beispielsweise, etwas selbst Verstandenes im Lehrsaal mitzuteilen, verließ mich nie das Gefühl, einen Teil meines Verstehens nicht wirklich explizit machen zu können. Meine Worte blieben, gemessen an dem, was ich dachte und wie ich es denken konnte, immer merkwürdig schal. Es schien oft, als gebe es eine absolute Grenze des Kleinarbeitens einer Idee und dazu komplementär einen Akt des Verstehens, den der Zuhörer selbst leisten muß«, schrieb Neuweg bereits 1999 im Vorwort zu seiner Habilitation über die Erkenntnis- und Wissenstheorie von Michael Polanyi. Spannender Stoff also für alle, die lernen und lehren. Wollte man aber Polanyi auf Deutsch lesen: Fehlanzeige. Will man heute, 10 Jahre später, Polanyi auf Deutsch lesen: Wieder Fehlanzeige.

Ich finde es schade, dass sich seitdem auf dem deutschen Buchmarkt nichts getan hat: dass z.B. die wenigen Schriften Polanyis, die überhaupt je ins Deutsche übersetzt worden waren, seit langem vergriffen und auch antiquarisch kaum zu bekommen sind. Dass es keine Neuauflagen, keine weiteren Übersetzungen, keine Forschungsreihe mit den Originalwerken gibt, sondern eben nur weitere aspektgebundene Arbeiten über Polanyi. Immerhin gab der Suhrkamp-Verlag im Jahr 1985 unter dem Titel »Implizites Wissen« die legendären sog. Terry-Lectures von 1962 heraus, besser bekannt als »The Tacit Dimension« [1966]; leider blieb es bei dieser deutschen Erstauflage. Der Verlag schrieb damals über das Buch »Implizites Wissen« im Umschlagtext:

Polanyi untersucht das menschliche Erkennen ausgehend von der Tatsache, »daß wir mehr wissen, als wir zu sagen wissen«. Diese Einsicht, die die Gestaltpsychologie vornehmlich anhand der Wahrnehmung untersucht hat, gilt für alle Formen des theoretischen und praktischen Wissens, von somatischen Prozessen angefangen über praktische Fertigkeiten und Geschicklichkeiten (eines Handwerkers, Athleten oder Klaviervirtuosen) bis hin zur wissenschaftlichen Erkenntnis. Ihnen allen ist eine Struktur gemein, die sich als Integration von Einzelmerkmalen zu einer kohärenten Einheit beschreiben läßt, aber so, daß wir dabei unsere Aufmerksamkeit von den einzelnen Merkmalen abziehen (wir erkennen ein Gesicht an seinen einzelnen Zügen wieder, aber so, daß wir gerade nicht auf diese einzelnen Züge achten).

Diese Struktur findet Polanyi jedoch nicht nur im Akt des Verstehens, sondern auch im Verstandenen selbst. Die Beziehung einer komplexen Entität zu ihren einzelnen Elementen ließe sich demnach als die Beziehung zwischen zwei Realitätsschichten betrachten, wobei die ›obere‹ die Randbedingungen angibt, die von den auf der ›unteren‹ Ebene herrschenden Prinzipien nicht festgelegt worden sind. Die Hierarchie dieser Ebenen ordnet sich so zu einer schichtenförmigen Ontologie.

Aus der Idee, daß die blinden Flecke im Wissen keine temporären Defizite, sondern einen notwendigen Bestandteil des Wissens ausmachen, entwickelt Polanyi eine radikale Kritik am Selbstverständnis der Wissenschaft und der Moderne überhaupt. Auch wenn die Geburt der modernen Wissenschaft im Zeichen einer entschiedenen Abkehr von der Autorität stand, beruht Wissenschaft in beträchtlichem Maße auf Tradition und Autorität, auf unbefragten und auch gar nicht restlos befragbaren Vorannahmen, metaphysischen Überzeugungen und persönlichen Entscheidungen. Das aufklärerische Ideal eines moralisch neutralen, streng objektiven, restlos transparenten Wissens wird angesichts jener Struktur, die dem Wissen stets einen Teil seiner selbst ›entzieht‹, nicht nur von der realen Praxis der Forschergemeinschaft dementiert, sondern birgt auch ein totalitäres Potential.

Ich finde, eine zweite Auflage wäre fällig jetzt, fast ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Erstausgabe …

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