Vom Schweigen der Ökonomen

(jm)

»Das Schweigen der Ökonomen: Die Weltwirtschaftskrise ist auch ihre Krise«, überschreibt Prof. Dr. Friedrich Schneider (Universität Linz) aktuell im April seinen Blogbeitrag. »Die meisten ökonomischen Vertreter schweigen«, fasst er die weltweite Ratlosigkeit vieler seiner Kollegen zusammen.

»Die Ursache für diese Krise der Ökonomie liegt darin, dass wir einige Verhaltensweisen der Menschen nicht in unseren Modellen integriert haben, zum Beispiel den „Herdentrieb“ an den Finanzmärkten oder „fehlendes Vertrauen“, oder „Gier“ und „mangelnde Fairness“ im Wirtschaftsleben. Wir haben mathematisch sehr ausgeklügelte ökonomische Modelle, die uns wichtige Erkenntnisse liefern, aber sie beschreiben nur einen Teil der Realität und blenden viele wichtige Aspekte (wie Vertrauen, Herdentrieb, Gier, etc.) aus.« […] »Darüber hinaus kann man feststellen, dass die ökonomische Wissenschaft nur begrenzt gut im Modellieren großer ökonomischer Umwälzungen ist.« […] »In der Ökonomie ist daher ein Umdenken notwendig, sich diesen Fragestellungen wissenschaftlich zu stellen und die ökonomischen Modelle entsprechend zu adaptieren.« Lesen Sie selbst.

Gilt nun dieses »notwendige Umdenken« wirklich nur für hochmathematisierte »Quasi-Naturwissenschaften« wie Ökonomie oder Ökonometrie, um »daraus Rückschlüsse zu ziehen, wie die ökonomischen Modelle um diese „weichen“ Faktoren ergänzt werden können«, wie Prof. Schneider es ausdrückt? Nicht auch für jede Modellbildung, die sich – um der vermeintlichen Wissenschaftlichkeit und Objektivität willen – eng an ähnliche, nunmehr ebenso erdrutschartig weggebrochene Prämissen angeschmiegt hat? Und nicht auch für die eine oder andere Modellbildung im Umfeld des Wissensmanagements – je nach ihrem Grad, den internen oder externen Kunden in seiner Ganzheit und in der Tiefe seiner Verhaltensweisen methodisch zu reduzieren, holzschnittartig zu simplifizieren oder gar auszublenden?

Es gibt viele Gehirne und Außenweltmodelle, die »geschlossen« genug sind, um sich und andere quasi »autistisch« in eine Krise »hineinzumodellieren« – aber offensichtlich kaum Menschen- und Weltbilder, die »offen«, »komplex« und »tief« genug sind, um mit Überblickswissen gangbare Auswege zu zeigen.

Sackgassen erfordern drastischere Maßnahmen als lediglich zögerliche Kurskorrekturen: Sackgassen erfordern eine mutige 180-Grad-Kehre. Der Einsturz im Kartenhaus verkürzter ökonomischer Modellbildungen kann daher für sämtliche Communities im Bereich Wissensmanagement als starker Impuls und sogar als Ansporn gewertet werden, sich noch stärker als bisher an der Personalität, Situativität und impliziten lebensweltlichen Einbindung menschlichen Wissens und einer Kultur der Kooperation zu orientieren.

Lebendige und gelebte Kooperationskulturen von Wissensarbeitern erweisen sich gerade dann als Wettbewerbsvorteil, wenn z.B. persönliche Stabilität in Schicksalsschlägen, persönliche Kompatibilität mit den kleinen und großen Katastrophen und implizites »Krisenwissen« zu jenen geschäftsprozessualen Kompetenzen beitragen, die sich auch in Zukunft andernorts jedem Versuch ihrer »Modellierung«, »Kodifizierung« und »Verobjektivierung« letztlich entziehen werden.

 

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Eingeordnet unter Unternehmenskultur, Wissensmanagement

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