Goodbye Shareholder Value

(jm)

Es ist nicht bloß eine isolierte »Bankenkrise« oder »Finanzkrise«, die sich seit Jahren abzeichnet – und die noch lange nicht überwunden ist. Auch einer »Strukturkrise« würde ich nur begrenzt das Wort reden, obwohl sie Bestandteil des aktuellen »Kondratieffabschwungs« zu sein scheint. Warum? Weil die »Banken- und Finanzkrise« mit gedanklichem Rohmaterial gespeist wurde, das von Anfang an keimartig in der irrlichternden Philosophie des »Shareholder Value« (SV) beschlossen lag. Reduktionistisches, »wurmstichiges« Basismaterial, begierig eingesogen von gierigen und zahlenreduzierten Gemütern – propagiert auch von Beratern und Analysten, und trotz seiner »Wurmstichigkeiten« vielfältig akkreditiert und verbreitet durch MBA-Programme. Das wohl maßgebende Quellenwerk: »Creating Shareholder Value« [1986] von Alfred Rappaport.

Schon der deutsche Untertitel »Ein Handbuch für Manager und Investoren« indizierte für Kenner bereits die methodische Ausblendung des wichtigsten Primats: des Nutzwertes für den Kunden. Pointiert gesagt: Während der Stakeholder-Ansatz den Kunden zumindest noch nivellierte (und ihn quasi in der Vielfalt der »Anspruchsgruppen« einebnete), ging der Shareholder-Ansatz mutig einen Schritt weiter – über die finanzwirtschaftliche Abgrundkante hinaus – und entfernte den individuellen geschäftsprozessualen Nutzwert für den Kunden endgültig aus dem Gesichts- und Rechnungskreis. »Gier frißt Hirn«, lautet eine Börsenweisheit. Im »Handbuch für Manager und Investoren« hätte das Maß des zufriedenen, loyalen Kunden, der ein Unternehmen positiv weiterempfiehlt, ohnehin eher wie ein  lästiges Alibi gewirkt.

Damit entfiel allerdings auch das Kriterium und Gespür dafür, noch zwischen »konstruktiven« und »destruktiven« Gewinnen unterscheiden zu können. Aber wozu auch? Ohne kybernetische Systemsicht, Überblickswissen und Ganzheitsbetrachtung sehen »konstruktive« und »destruktive« Gewinne ohnehin gleich aus. Auch Entlassungen können die Eigenkapitalrendite erhöhen.

Die verbleibende verhängnisvolle Gleichung (befriedigte Investoren = zufriedene Kunden) konnte weder in Rappaports grauer Theorie noch in der oft degenerierten Praxis des Börsengeschehens aufgehen. Umgekehrt wäre eher ein Schuh draus geworden – doch hätte diese Theorie wohl weitaus weniger Anziehungskraft auf Reiche und Gierige ausgeübt, sich noch weiter zu bereichern.

Quartalsbelange unruhiger, mobiler Investoren bestimmten in Folge das Maß der Publizitäts- und Strategieausrichtung. Stimmten die Quartalszahlen nicht, wurde hier und da auf Investitionen und Innovationen verzichtet – sowie auf die Weiterbeschäftigung tausender und abertausender wichtiger Wissensträger.

Durch den SV-strategiebedingten Verlust wichtiger Wissensträger steckte so manches Unternehmen schnell mitten in der »inneren Wissensinsolvenz«, obwohl Cash-flow und Gewinn (noch) positiv erschienen. Gegenüber ihrem Management hatten diese Wissensträger oft immerhin noch den Vorteil, den Kunden und die implizite Dimension seiner Wünsche noch aus dem richtigen Leben zu kennen – und nicht nur als körperlose, konturenblasse Schemen des isoliert betrachteten Rechnungswesens.

Nun denselben Geldsüchtigen, die schon seit Jahren nicht zwischen »konstruktiven« und »destruktiven« Gewinnen unterscheiden können, milliardenschwere Geldspritzen zu verabreichen, damit sie in ihren »Entzugserscheinungen« etwas weniger volkswirtschaftlich zittern – woran könnte das erinnern? Vielleicht an Suchtabhängige, denen der endgültige Entzug erst noch bevorsteht …?

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Eingeordnet unter Innovationsmanagement

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