Emotionale Informations- und Wissensfilter

(jm)

»Fast unser gesamtes Wissen verdanken wir nicht denen, die zustimmten, sondern denen, die anderer Meinung waren

Charles Caleb Colton [1780 – 1832]

Menschen verwenden Siebe oder Filter, um »Gewünschtes« von »Unerwünschtem« zu trennen. Filter funktionieren beispielsweise physikalisch, chemisch oder elektronisch. Nach ihrem Einsatzgebiet im Alltag unterscheiden wir Ölfilter, Luftfilter, Wasserfilter, Kaffeefilter oder Kamerafilter; ebenso softwarebasierte Spamfilter oder Effektfilter. Musiker kennen Hochpass- und Tiefpassfilter. Sprachlich verwandt mit dem Filz und abgeleitet von lat. filtrum (= Durchseihendes), geht es beim Filtern ums Trennen, geht es um gleichzeitige Durchlässigkeit und Undurchlässigkeit.

Im Alltag bedienen sich Menschen dieser »äußeren« Filter mehr oder weniger bewusst. Die Wirkungsweise eines Kaffeefilters, persönlich von Hand in der Maschine platziert, ist uns meist bewusster als die Wirkung von Öl- und Luftfilter in dem Auto, in dem wir uns im Moment fortbewegen.

Wie aber steht es mit den »inneren« Filtern eines Menschen, mit seinen emotionalen, persönlichen Wahrnehmungsfiltern, die seine »gefühlte« persönliche Wissenskonstruktion beeinflussen? Wie bewusst sind uns unsere eigenen Wahrnehmungsfilter, wenn wir als Wissensarbeiter, als wissensbasierte Organisation das für uns vermeintlich »Wichtige« vom »Unwichtigen« trennen?

Keine zwei »inneren Filter« zweier Menschen sind gleich – vor allem nicht jeden Tag. Nicht selten staunen Wissenschaftler verschiedener Fächer darüber, in welchem Umfang Kommunikation zwischen Menschen überhaupt und trotzdem gelingt – wenigstens annäherungsweise.

Auch wissensbasierte Organisationen und Netzwerke verwenden ihre je eigenen Wahrnehmungsfilter, oft ohne sich dieser Wirkungen als Team oder als einzelne bewusst zu sein. Unser Vorwissen entscheidet mit über unser Wissenwollen und Wissenkönnen. Auch Ziele, Werte, Beziehungen, Gefühlslagen und gelebte »soft skills« können als positive wie negative Filter wirken; je nach Wahrnehmungsrichtung. Dabei verschwimmt auch die künstliche Trennung zwischen Berufsleben und Privatleben. Täglich filtern wir Zeichen, Daten und Informationen; und täglich anders und immer wieder neu verknüpfen wir diese mit inneren Dialogen, Bildern, Gefühlen, Impulsen, Erinnerungsresten. Zum größten Teil unbewusst – und gleichsam als Entlastung des Gehirns für Wichtiges und Wesentliches.

Weniger allerdings nehmen wir Wahrnehmungsfilter in Organisationen wahr, wenn diese z.B. im Rang gesetzlicher Vorgaben oder betriebswirtschaftlicher Selbstverständlichkeiten stehen: wie tief ist Managern täglich klar, dass auch Bilanz, Cash-flow, GuV, TQM, Kosten- und Leistungsrechnung und ganze Controllingparadigmen wie ein gemeinsamer »organisationaler Wahrnehmungsfilter« wirken können, und diese die individuellen Wahrnehmungsfilter noch verstärken können? Durch die aber Wichtiges und Wesentliches ausgefiltert wird, d.h. außerhalb des persönlichen und gemeinsamen Bewusstseins bleibt? Und außerhalb des organisationalen Aufbaus kundenrelevanter Geschäftsprozesse, Innovationen und Kompetenzen?

Indem Wissenschaft und Bildung durch zahlreiche Konventionen die Wahrnehmung des Menschen lange Zeit stark »auf das Sicht- und Messbare, auf das Materielle, Vordergründige, Beweisbare, Logische« verengten und reduzierten, blieb Wichtiges und Wesentliches betrieblich und gesamtgesellschaftlich außer Betrachtung und Ansatz. Im Maßstab des methodisch Ausgeblendeten gesehen, könnte man die Vielzahl solcher Konventionen fast »kollektive Abwehrmechanismen« nennen.

Wer diesen Konventionen und »etablierten Sprachregelungen« nicht folgte, war schnell fachlicher Außenseiter, Ewiggestriger, Sonderling; auch wissenschaftlicher Sonderling. In der Perspektive eines größeren Strukturwandels gesehen, allerdings auch Pionier, Vordenker, Vorbote neuer Basisinnovationen.

 

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Eingeordnet unter Innovationsmanagement, Kompetenzmanagement, Wissensmanagement

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