Bilanzierung des Unsichtbaren


(jm)

massdesmenschenIch kenne niemanden, der sich auf dem Sterbebett gewünscht hätte, nur eine Stunde seines Lebens länger eine Bilanz gelesen, Aktienkurse verglichen, einen Geschäftsbericht analysiert zu haben. Auch nicht jene, die zeitlebens nur Wert auf »hard facts« legten. Wohl aber, mehr Zeit für ihre Familie oder schöpferische Dinge gehabt zu haben.

Zahlen spiegeln ja nie das Totalbild des Wirklichen und Wesentlichen; auch Daten und Informationen geraten leicht zur manipulierbaren Inflationswährung. Tief in jedem Menschen schlummert die eigentliche Frage – nach dem Woher, Wofür und Wohin. Speziell dann, wenn im Umfeld »Datenhaltung« zu »Datenhalden« und »Datenfriedhöfen« abdriftet – und längst keine realitätsdichte Orientierung bieten kann. Informatisierung informiert den Menschen nicht in der Tiefe seiner Sinnsuche. Wer dies als bloßen »Hunger nach Wissen« ausmacht, reduziert den Menschen – und bietet allzu schnell Steine statt Brot.

Hinter allem Datierbaren stehen Menschen mit ihrem Handeln, ihren Emotionen, ihrer Ethik, ihrer Moral, ihren Motiven, ihrem Gewissen. Die Erfassung des Unsichtbaren und Lebendigen reicht stets tiefer als menschliche Messgrößen. Die »Bilanzierung« des Unsichtbaren und Lebendigen ist eher kontraintuitiv als logisch-rational.

So steckt in jeder Bilanz – auf einer tieferen Wirklichkeitsebene gesehen – bereits eine »Wissensbilanz«; in dieser eine »Gewissensbilanz«, in dieser eine »Sinnbilanz«. Diese Wirklichkeitsebenen sind stets mit präsent – es fehlt lediglich am Instrumentarium und Sensorium, um etwa ihre Komplexität, Wirkungsnetze, ja ihr Totalbild auch nur näherungsweise zu erfassen. Und am ganzheitlichen Forschungsinteresse.

Moderationsprozesse können diese nicht-messbaren Wissens- und Wirklichkeitsebenen ansatzweise vor Augen führen, fühlbar machen, präsent setzen. Sie können Potenziale sichtbar machen, die sich oft nur als »Bauchgefühl«, »siebter Sinn« oder »Intuition des Experten« bemerkbar machen.

Gute Moderationsprozesse in Unternehmen heben diese nicht-messbaren Wissens- und Wirklichkeitsebenen ins Bewusstsein. Teilnehmer sagen dann beispielsweise: »Wir hätten nie gedacht, dass es unsere eigene Unternehmenskultur ist, die seit Jahren unsere Innovationsfähigkeit lähmt« (auch wenn noch keiner genau weiß, wie sich diese Unternehmenskultur aufbaut).

Genauer gesagt, wie und durch wen im Unternehmen diese Wirklichkeitsebenen stets »mit-menschlich« präsent sind – in ihren konstruktiven wie auch in ihren destruktiven Kontext- und Situationsanteilen. Manchmal durch Führungskräfte, die nur Interesse an den »hard facts« haben. Und kaum Zeit für ihre Familie und schöpferische Dinge.

Dabei kommt es in Zukunft so sehr und wesentlich darauf an, ob Menschen im täglichen Umgang miteinander »größer« oder »kleiner« werden. Lebendiger oder gelähmter. Täglich, in jeder Organisation, in jedem Unternehmen, in jedem Netzwerk. Dies schlägt sich zwar nicht sofort morgen oder übermorgen messbar nieder, aber mit großer Wahrscheinlichkeit in zwei, fünf oder zehn Jahren.

Das sog. Biophilie-Postulat »Handle stets so, dass Menschen im Umgang mit dir größer anstatt kleiner werden« [i.S.v. Rupert Lay, Michael Löhner] ist für zukunftsorientierte Führungskräfte keine nette Option mehr. Menschen im Umgang mit sich selbst ermöglichungsorientiert im guten Sinne »größer« anstatt »kleiner« zu machen, ist ein unverzichtbarer psychosozialer Erfolgsbaustein – gemeinsamer Kompetenz im Aufbau wissensbasierter Innovations- und Geschäftsprozesse.

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