Krisenbewältigung im Allround-Journalismus


(jm)

Stets fordern Krisen strategische Anpassungsleistungen an neu geforderte, oft zuvor vernachlässigte Kompetenzen. Der klassische Allround-Journalismus durchschreitet gegenwärtig solch eine Krise und steht am Scheideweg – sich zu entscheiden zwischen höherer Qualität aus Zielgruppensicht oder inflationärer Beliebigkeit.

Freisetzungen zahlreicher Allrounder in den vergangenen Jahren indizieren nicht nur gekürzte Redaktionsbudgets, sondern auch, dass Allrounder ihren »internen Kunden« (d.h. ihren Arbeitgebern) bzw. ihren »externen Kunden« (d.h. ihren Lesern) nicht genug »Wert« vermitteln konnten, nicht genug marktfähiges journalistisches Informations-, Wissens- und Orientierungsprofil.

Profillos, beliebig und austauschbar geworden, büßten sie im Zuge der Freisetzung oft nachhaltig an »Marktwert« ein. Anschließend beschäftigt mit dem (Wieder-)Aufbau eines existenzsichernden loyalen Kundenkreises mit hohem Kundenwert, verwenden freiberufliche Allrounder nun erhebliche Zeitabschnitte auf – zuvor nicht selten belächelte – Aktivitäten wie Akquise und Organisation, Strategieentwicklung und Selbstmarketing, Networking und Profilgebung.

Demgegenüber steigt die Nachfrage nach lebensnahem, relevantem Expertenwissen in der heutigen Wissensgesellschaft, nach Substanz, Profil, Orientierungswert, Durchblick – nach leserfreundlichem Fachjournalismus. Gefragt sind Experten, die die Leidensdruckthemen ihrer Zielgruppen kennen und ihr Fachwissen leserorientiert kommunizieren können.

Doch nicht jede beliebige Form von Ressort- oder Themenwissen reicht bereits aus, um dauerhaft eine stabile fachjournalistische Positionierung als Experte aufbauen zu können. Ohne Markt- und Kundenorientierung gerät selbst die exzellenteste Fachexpertise leicht zur »Zwangsbeglückung der Gesellschaft« durch einen frustrierten Autor, der sich unverstanden fühlt.

Fachexpertise muss vielmehr aus dem Blickwinkel definierter Kundengruppen geschrieben sein. Sie muss eine spezifische Form leserfreundlicher fachlicher und sozialer Orientierung, Wertschöpfung und lebensmäßiger Handlungsklarheit bieten, um begeisterte und loyale Kunden zu gewinnen und zu halten.

Mit dem Übergang zur sog. »Wissensgesellschaft« gewinnt dieses markt- und kundenorientierte Überblicks-, Orientierungs- und Vertiefungswissen menschlichen Seltenheitswert – und wird zum kritischen Engpass beruflicher Akzeptanz, eigener Marktmacht und organisationalem Fortbestand auf unsicheren (Medien-)Märkten.

Journalisten sind daher – wie alle »Wissensarbeiter« – verstärkt aufgefordert, sich ein unverwechselbares Stärken- und Marktprofil zu schaffen und ihr gesamtes wissensbasiertes Fachprofil durch den Einsatz geeigneter Selbstmarketinginstrumente zu schärfen. Marktprofil beinhaltet dabei, auf der Basis persönlicher, sozialer und fachlicher Werte und Stärken sich Alleinstellungsmerkmale aufzubauen und komplexe Lerngewinne als Fachexperte zielgruppengerecht und marktfähig zu kommunizieren; Profillosigkeit hingegen bedeutet Beliebigkeit, Verwechselbarkeit, Austauschbarkeit – und nicht selten das berufliche wie freiberufliche »Aus«.

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Eingeordnet unter Expertenpositionierung, Fachjournalismus, Kompetenzmanagement, Strategieforschung

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