Wissen als … »Ohnmacht«?

(jm)

»Wissen ist Macht« [scientia est potentia, Francis Bacon] erscheint, obwohl missverstanden, vielfach positiv konnotiert: Wir wissen etwas, was andere nicht wissen. Quasi ein Vorteil. Wir haben Zugang zu informellen Netzwerken, zu denen andere keinen Zugang haben. Noch ein Vorteil. Jemand anderes ist auf unsere »Wissenspartikel« im Kontext angewiesen, und wir begründen asymmetrische Beziehungen auf der Verhandlungsbasis unserer unterschiedlichen »Wissensbestände«. Leicht verfallen wir so der Illusion: Wissen an sich ist Vorteil, »Wissen ist Macht«.

Besonders dann, wenn wir durch formalisierte Techniken und rationale Methoden sicherzustellen versuchen, verfügbare »Wissenspartikel« synoptisch zusammenzuführen, und dabei nicht merken, dass systemimmanent neue »blinde Flecken« entstehen, die wir nicht mit denselben Techniken und Methoden »beleuchten« können. Auch und gerade nicht mit noch mehr EDV, noch mehr IT. Und dass neue Orientierungsprobleme und Sinnfragen auftauchen, die wir nicht auf derselben Ebene lösen können, auf der sie entstanden sind.

Ein gegenläufiger Gedanke: Indem uns Unbewusstes bewusst wird, implizites Wissen explizit wird, Ahnungen sich zu Gewissheiten verdichten, erzeugen wir für uns und andere mentale Sicherheiten, gemeinsame Selbstverständlichkeiten, mentale Ordnungsmodelle. Wir verdichten, substanzialisieren, verkörperlichen unser Wissen.

Mächtige bedienen sich dabei auch ihres Wissens, um von alternativen Sichtweisen abzulenken, exklusive Auffassungen zu etablieren, nicht-hinterfragbare Deutungsmuster durchzusetzen. Methodisch »gesichert« und natürlich »wissenschaftlich erhärtet«. Solide, gesichert, gefestigt – und gleichzeitig unflexibel, immun gegen höhere Erklärungswerte, sogar hermetisch abgeschottet gegen »besseres Wissen«. Unternehmerisch bis hin zu Geschäftsprozessen, die durch »kostenbedingtes Outsourcing« des Kundenkontakts von allen externen Wissensdomänen entkoppelt sind.

Wissensmanagement allein garantiert also nicht die Überwindung der systemimmanenten »blinden Flecken«, garantiert nicht per se den Sprung aus dem »geschlossenen System« – weder persönlich noch im Unternehmen.

Die Illusion von der »Macht des Wissens« lässt Menschen wie Unternehmen zuweilen unempfänglich für die Wahrnehmung werden, dass ihre »Wissens-Macht« gleichzeitig eine »Wissens-Ohnmacht« sein kann, die zur mentalen Immobilität führt. Solide, gesichert, gefestigt – aber beispielsweise ohne bewegliche Intuition für Trends und Kundenwünsche. Zuviel vom Falschen, zuwenig vom Richtigen – und beides bedingt sich auf Dauer, im Wechselspiel.

Umlernen würde hier bedeuten: Irritation und Identitätsfragen, Verzicht auf Bisherigkeit, auf gedankliche Trampelpfade, Verzicht auf etablierte, gewohnte Muster der Informationsbeschaffung und Wissensgenerierung.

Organisationsforscher Oswald Neuberger steuert noch einen weiteren Aspekt bei: »Informationsbeschaffung ist kein unverfänglicher Akt des Aufnehmens nach der Art des Beeren- und Pilzesammelns. Jede Wahrnehmung ist unvermeidlich eine Negation („Dies und nicht das!“), eine Abwahl anderer möglicher Hinsichten, eine Einwahl in andere mögliche Kontexte und eine implizite Prognose, wie es weitergehen wird. Schon die Daten-Erhebung und die Informations-Sammlung sind also durch mikropolitisch nutzbare Kontingenzen gekennzeichnet, die noch gesteigert werden bei der Wissens-Generierung und -Anwendung« [Mikropolitik und Moral in Organisationen, 2. Aufl. 2006, S. 268-269].

Ich finde, darüber lohnt es sich im Wertschöpfungszusammenhang von Wissen nachzudenken: »Jede Wahrnehmung ist unvermeidlich eine Negation, eine Abwahl anderer möglicher Hinsichten; eine implizite Prognose, wie es weitergehen wird.« Ein Stück »Ohnmacht«.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Unternehmenskultur, Wissensmanagement

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s