Wissen im Ausverkauf

(jm)

»Journalismus unterm Messer« betitelte die taz am 07.02.2009 einen lesenswerten Artikel von Wolfgang Storz. Der frühere Chefredakteur der Frankfurter Rundschau leuchtet darin kundig hinter die Kulissen der Tageszeitungsbranche. Der Umbau vieler Tageszeitungen – weg vom publizistischen Qualitätsanspruch hin zu eher arbeitswissenschaftlich getakteten Schreibfabriken – ist in vollem Gange. »Sie arbeiten mit Beratungsfirmen wie der Schickler-Gruppe zusammen, die mit Hingabe zum Cent Redaktionsarbeit in industrielle Fertigungsprozesse umwandelt«, bringt Storz es auf den Punkt, und ich könnte es nicht besser ausdrücken. Vom »Qualitätsjournalismus«, den man in Hochglanzbroschüren und PR-Statements gerne für sich beansprucht, bleibt oft nur noch das öffentliche Etikett.

Parallel geschieht ein weiterer Umbau: Während sich die Redaktion so mancher Tageszeitung in den letzten zehn Jahren durch kostenbedingte Entlassungen deprofessionalisiert hat, rüsteten die Public-Relations-Abteilungen vieler Organisationen dankbar mit den Entlassenen auf. Was unter professionellen Journalisten gemeinhin als »Sündenfall« der unabhängigen Meinungsbildung gilt – quasi für die Gegenseite »Auftrags-PR« zu machen –, wurde und wird für entlassene Redakteure oft zur Überlebensfrage.

Nicht selten sagen freie Journalisten dann im Kampf ums Überleben auch mal Themen zu, in denen sie keine Experten sind. Oder über die sie sich vor ihrer Zusage noch nie Gedanken gemacht haben. Nun, darin unterscheiden sie sich nicht von so manchen Unternehmensberatern – aber diese erheben auch nicht den demokratischen Anspruch, Teil der »vierten Gewalt« im Staat zu sein.

Sind Journalisten billig zu haben, ist auch beschönigende, verschleiernde »Auftragskommunikation« billig zu haben – von örtlichem politischem Gefälligkeitsjournalismus und sonstiger Hofberichterstattung einmal ganz abgesehen. Mit der Basis medialer Informationsqualität steht und fällt dann auch die persönliche, alltägliche Wissenskonstruktion.

»Themenmanagement« nennen das PR-Agenturen. PR-Profis setzen ihre Auftraggeber ins rechte (Themen-)Licht, und unterbesetzte Redaktionen mit knappem Recherchebudget freuen sich über gut geschriebene Artikel für die nächste Ausgabe. PR-abhängige Ex-Journalisten schreiben auf diese Weise übernahmefertige Stories für Noch-Journalisten (die es vielleicht beim nächsten Entlassungsgang in einem Jahr selbst nicht mehr sind).

Nicht viele wissen, dass professionelle PR-Agenturen und -Abteilungen Erfolgsstatistiken darüber führen, wie häufig (und zu wieviel Prozent unverändert) ihre »redaktionellen Artikel« abgedruckt werden und im Blatt den irrigen Eindruck unabhängiger Recherche erwecken. Bevorzugt im sog. »Sommerloch«, wenn Redakteure um jeden guten Artikel verlegen sind. Wie gesagt, PR-Leute nennen dies »Themenmanagement« – und sehen auch gezielte Desinformation als durchaus legitimen Teil des organisationalen »Reputationsmanagements«.

Wohlgemerkt: Gerade Organisationen, die ihre Reputation als Teil ihres immateriellen Vermögens begreifen, greifen gerne zu ausgefeilten Methoden des »Themenmanagements«. Natürlich kann man es auch »gezielte Desinformation«, »Verschleierung« und »Wahrnehmung von Anlegerinteressen« nennen; je nach Standpunkt. Jedenfalls weiß die sog. »Wissensgesellschaft« gar nicht, was sie alles gezielt nicht weiß, wenn sie sich nur aus dem Einheitsbrei medialer Desinformiertheit informiert.

Was mir ebenfalls Sorge bereitet: Dass viele Printmedien zwar den guten Ruf ihrer Haupt-Anzeigenkunden wie ein rohes Ei behandeln, aber ihre eigene Reputation als kompetente unabhängige Berichterstatter noch nicht so recht als Teil ihres eigenen immateriellen Vermögens begreifen. Und daher ihren redaktionellen Produktionsfaktor »Wissen« Schritt für Schritt »kostenbedingt« unkritisch entsorgen, anstatt unabhängige Berichterstattung zum lokalen, regionalen und bundesweiten Wettbewerbsvorteil und Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln.

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Eingeordnet unter Fachjournalismus, Wissensmanagement

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