Kein Gammesfelder

(jm)

gammesfeld1Fritz Vogt, Jahrgang 1931 und im Nebenberuf Landwirt, betreibt in Gammesfeld die kleinste Bank Deutschlands. Das wäre an sich für ein 500-Seelen-Örtchen nicht ungewöhnlich, gäbe es da nicht ein paar Besonderheiten: Fritz Vogt betreibt diese Bank allein. In Personalunion ist er Vorstand, Sekretär, Buchhalter und Schalterkraft.

Obwohl in ganz Deutschland das Vier-Augen-Prinzip für Geschäftsführungen von Banken gilt, verwies er vor Gericht auf die lange Familientradition seiner Raiffeisenbank. Er argumentierte, dass ein weiterer Geschäftsführer nur unnötig das Geld seiner Kunden koste. Schon sein Großvater und sein Vater hätten die Bank mit Erfolg allein geführt. Illegaler Bankbetrieb wurde ihm vorgeworfen, Amtsenthebungen angedroht – und Fritz Vogt wehrte sich. Sechs Jahre dauerte sein Prozess gegen die Bundesrepublik Deutschland – mit Erfolg für Fritz Vogt, versteht sich.

Eine weitere Besonderheit: Fritz Vogt benutzt in seinem »Kässle« keinen Computer, kein Fax, keinen Geldautomaten und keinen Kontoauszugsdrucker. Auch das koste alles nur unnötig das Geld seiner Kunden, erklärt er. Unnötiger modischer Schnickschnack. Seine Büroausstattung: ein altes Telefon mit Wählscheibe, alte manuelle Rechen- und Schreibmaschinen. Sämtliche Verbuchungen erledigt er manuell. Dafür bietet Vogt seinen Kunden unschlagbare Konditionen: 3 Prozent Guthabenzinsen aufs Girokonto, 3,5 bis 4,5 Prozent Dispo- bzw. Kreditzinsen. Leider nur für Gammesfelder, nicht für »Zugereiste«. Dafür aber ohne Personalausweis bei der Kontoeröffnung. Wofür auch? Fritz Vogt kennt jeden Kunden von Kindesbeinen an. »Der eine hat Geld und bringt’s zum Kässle, der andere braucht Geld und holt’s sich vom Kässle.« Das Prinzip »Bank« auf den Punkt gebracht.

Moment mal – kein Computer, keine Elektronik – wie kalkuliert Fritz Vogt denn da das Risiko eines Kreditausfalls? Ohne Rating-System? Ohne tiefgehende Analyse der Bilanzen seiner Kunden? Gerade hier kann Fritz Vogt richtig punkten: Nur ein einziger Kreditausfall in fast 120 Jahren. Und das ist schon lange her. Und das war auch kein Gammesfelder, sondern ein »Zugereister«.

Aber die Frage bleibt: Wie haben drei Generationen Vogt diese Erfolgsbilanz hinbekommen? Die Antwort: Sie kennen jeden im Dorf in- und auswendig. Fritz Vogt weiß einfach, wem im Dorf er einen Kredit geben kann und wem nicht. Schon sein Großvater und sein Vater haben das gewusst. Jahrzehntelange Menschenkenntnis. Implizite Könnerschaft. Gutes bankbetriebliches Wissensmanagement, verkörpert in der Tiefenstruktur einer Person, und zu 100 Prozent elektronikfrei. Ein Wettbewerbsvorteil, der im molochartigen Bankensystem schlichtweg nicht zu kopieren ist. Das Prinzip »Bank« auf den Punkt gebracht.

Ich ahne die größte Bedrohung für Vogts Lebenswerk: bisher keinen Nachfolger eingearbeitet zu haben, der den Kundenkreis ebenfalls seit vielen Jahren kennt. Der den Geist Friedrich Wilhelm Raiffeisens mindestens ebenso gut erfasst hat und gegen den Strom des Bankenbetriebs umsetzt; notfalls mal wieder auf dem Klageweg. Ich hoffe noch auf einen gelungenen Stabwechsel.

Ich habe gelernt: Implizites Wissen braucht keinen Computer, sondern Zeit, Gespräche, Lernbereitschaft, Gespür für Kontexte, Vertrauen und viel Erfahrung. Die gute Nachricht: Fritz Vogt denkt noch lange nicht ans Aufhören. Gerne würde ich ein Konto eröffnen, Genossenschafter werden, mich für die Nachfolge bewerben. Schade, dass ich kein Gammesfelder bin.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Expertenpositionierung, Innovationsmanagement, Kompetenzmanagement, Regionalentwicklung, Wissensmanagement

Eine Antwort zu “Kein Gammesfelder

  1. Hans-Stefan

    Hallo Jörg,
    diesen Artikel habe ich mit Genuss gelesen. Eine solide Kleinbank bekommt ein Verfahren an den Hals und wenig erfolgreiche Investmentbanken die Milliarden zum Überleben. Den Bezug zum Wissensmanagement finde ich gelungen.

    Mach weiter!

    Grüsse Hans-Stefan

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