Fehlsteuerung des Wissenspotenzials


(jm)

Was ist das organisch-natürliche Ziel eines Unternehmens? Die klassische Antwort fast der gesamten Betriebswirtschaftslehre, mangels besserer Zuständigkeit: »Gewinne erzielen, erhöhen, maximieren.« Und im Nachsatz: »Natürlich nur, um die Arbeitsplätze zu sichern.« Egozentrische Orientierung am Haben-Wollen. Falsche Antwort.

Stellen wir die Frage anders: Was ist das objektiv beste Ziel eines Unternehmens? Nun wird die Zahl der kundigen Unternehmer und Autoren übersichtlicher, und die eher Intuitiven wissen: »Nun, eigentlich ist die Betriebswirtschaft ja eine soziale Steuerungslehre. Das objektiv beste Ziel eines Unternehmens bestünde also darin, die Bedürfnisse seiner Kunden, seiner Umwelt optimal wahrzunehmen und systematisch in Form geeigneter Dienstleistungen und Produkte zu befriedigen. Die Anziehungskraft auf die Umwelt dürfte sich damit von ganz allein einstellen, und damit als Nebeneffekt auch der Gewinn. Aber wie das genau geht, die Optimierung der Umweltbedürfnisse – darüber lesen wir in den Lehrbüchern kaum etwas.«

Kann es wirklich sein, dass das objektiv beste Ziel eines Unternehmens – optimale Bedürfnisbefriedigung seiner gesamten Mitwelt – mangels Operabilität in der Betriebswirtschaftslehre noch kaum mit ausreichender Methodentiefe bearbeitet ist? Und statt dessen lediglich z.B. Gewinn oder Cash-flow, also rückwirkende Nebeneffekte dieses Optimalziels, nur deshalb mit größerer Methodentiefe und kaum übersehbarer Methodenvielfalt wissenschaftlich erforscht werden, weil es sich bei ihnen (im Unterschied zum objektiv besten Ziel) um messbare, operable Größen handelt? Gleicht diese Erkenntnismethode nicht eher der eines Betrunkenen, der im hellen Schein der Straßenlaterne nach seinem Schlüsselbund sucht – und nicht etwa, weil er ihn dort verloren hätte, sondern weil er dort mehr Licht hat?

Das Problem: Ist die betriebsindividuelle soziale Steuerungslehre vom Einsatz der eigenen Produktionsfaktoren falsch – weil am falschen Ziel geeicht –, entwickelt sich alles andere auch falsch. Ist die Organisation egozentriert statt alterozentriert, erhält die systemimmanente Sozialethik langfristig ein insgesamt egozentrisches Vorzeichen.

Falsche Ziele führen unternehmensweit zu falschen Werten und Bewusstseinsprägungen, zu selektiver Wahrnehmung und kollektiven Abwehrmechanismen. Das betriebsindividuelle und persönliche »Wissensmanagement« erhält dann jenen missverstandenen »Wissen-ist-Macht«-Hortungscharakter mit tausend »black boxes«, Anwendungsinseln und egozentrierten Themengemeinschaften, in deren mikropolitischen Spielchen die geschäftsprozessuale Wertschöpfung versickert – auch und gerade auf Führungsebene. Es geht gar nicht anders: Die Anziehungskraft auf Kunden sinkt.

Mit traditionellem Methodeninventar die falschen, egozentrierten, asozialen und parasitären Unternehmensziele fundierter messen zu können als Ziele und Zielerreichungsgrade, die sich am Maß des Menschen orientieren – dies führt zu folgerichtigen, aber folgenschweren Fehlentwicklungen in Technik, Organisation, Personalauswahl, Innovationen, Fortbildung, Datenerhebung, Informationsselektion und Wissenskonstruktion. Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Und es macht die falschen Ziele nicht richtiger, sondern den tatsächlichen Bedarf Tag für Tag, Jahr für Jahr deutlicher – die Bemessung und Steuerung des unsichtbaren Vermögens.

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Eingeordnet unter Strategieforschung, Unternehmenskultur, Wissensmanagement

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