»Wissensstandort« Deutschland

(jm)

In seiner Ausgabe vom 11.01.2009 berichtet »Focus Online« über ein ungewöhnliches Projekt der Hamburger Sportwarenhändler Ulf und Lars Lunge. Als erfahrene Wettkampfläufer waren die beiden Brüder seit Jahrzehnten nie richtig zufrieden mit den Sportschuhen, die sie selber benutzten und in ihren Sportartikelläden verkauften. Ihr Traum: Premium-Sportschuhe aus eigener Produktion – vom Entwurf bis zum Kundenkontakt alles aus einer Hand.

Das Ungewöhnliche an der Geschichte: Während die Konkurrenz auf dem hart umkämpften Markt ihre Sportschuhe in Fernost produzieren lässt, entschieden sich die Gebrüder Lunge bewusst für den »Wissensstandort« Deutschland – und fertigen Topqualität für die Läufergemeinde in einem umgebauten Kuhstall in einem kleinen Dorf im Westen von Mecklenburg-Vorpommern. Die Gegend hat Tradition in der Lederwarenfertigung; man ist Handwerksbetrieb, nicht Fabrik, und beschäftigt ausgebildete Näherinnen und Schuster.

Die Entscheidung für den Standort Deutschland habe nichts mit Heimatverbundenheit zu tun, erläutert Ulf Lunge. Es gehe allein um die sehr gute Qualität, »die wir nur mit dem Know-how und den Materialien erreichen können, die es in Deutschland gibt.« Wegen der Billiglöhne in Asien lassen bekannte Markenhersteller schon lange fast ausschließlich dort fertigen. Doch die beiden Hamburger haben den Schritt nach Fernost bereits hinter sich.

In den 90er-Jahren ließen sie eigene Schuhe in Südkorea produzieren. Die Konkurrenz habe ihre Ideen kopiert, und die Qualität der Ware sei extrem schlecht gewesen, erinnert sich Ulf Lunge. »Wir wollten unser Wissen Schritt für Schritt in das Entwickeln der Schuhe einbauen, doch in Asien hat man nicht die Kontrolle über die Herstellung.« Frustriert verabschiedeten sich die Lunges wieder aus Fernost.

Persönliches Fazit: Wissensbasierte Fertigung ist nicht zuletzt an örtliche Traditionen, erfahrene Mitarbeiter und ihr prozedurales Wissen gebunden. Sie lässt sich kaum rezeptartig standardisieren, und sie kann nicht identisch in jedem beliebigen kulturellen Kontext oder an jedem beliebigen Standort reproduziert werden. In der wissenschaftlichen Forschung und bei Standortfragen wird dieses »immaterielle Vermögen« in Fertigung und Montage noch zu wenig beachtet. Hierdurch kam und kommt es immer wieder zu (falschen) Standortentscheidungen aufgrund der isoliert betrachteten Informationen des Rechnungswesens, die dem Faktum der nur sehr begrenzten Austauschbarkeit erfahrener Menschen in wissensbasierter Fertigung und Montage zu wenig Rechnung tragen.

Standortfragen in Fertigung und Montage kann verantwortlich nur entscheiden, wer zukunftsgerichtet den betriebsspezifischen Wertschöpfungsbeitrag des impliziten Erfahrungswissens und aller organisationalen Lerngewinne entlang der Geschäftsprozesse mit einbeziehen kann. In nicht wenigen Fällen haben deutsche Firmen – in Unkenntnis ihrer »immateriellen Werte« und deren Steuerung – einerseits patentiertes Know-how und »Lerngewinne« nach Fernost »exportiert«, die dann dort verblieben sind, aber andererseits unliebsame Überraschungen erlebt, als in Deutschland wiederum die Riegel des angelieferten Containers gelöst wurden …

Foto: Lunge

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