»Alle Bilanzen sind falsch!«

(jm)

»Alle Bilanzen sind falsch!« hieß im Jahr 1958 ein kleines Lehrheft. Sein Verfasser, Wolfgang Mewes, zeigte darin bereits vor 50 Jahren, als noch junger Bilanzbuchhalter und Kostenrechner, dass jedes Unternehmen neben seinem bilanzfähigen Sach- und Geldvermögen zusätzlich über unsichtbares, immaterielles Vermögen verfügt, das er – in Anlehnung an den schöpferischen menschlichen Geist – »Geistvermögen« nannte, z.B. den guten Ruf eines Unternehmens, seine Anziehungskraft auf Kunden, seine Innovationsstärke, persönliche Kompetenzen und Beziehungen.

Strategieforscher Mewes zeigte weiter, dass das »strategische Geistvermögen« das wichtigste und eigentliche Vermögen einer Unternehmung sei, weil es die Höhe sämtlicher Bestände des Anlage- und Umlaufvermögens positiv wie negativ ursächlich beeinflusse – lediglich zeitverzögert. Von Wissenschaft und Bildung hingegen seien »Sicht und Denken des Menschen immer enger auf das Sicht- und Messbare, auf das Materielle, Vordergründige, Beweisbare, Logische verengt worden« [Strategie-Journal, Heft 4, 2007, S. 10-11].

»Verbessert man das Geistvermögen eines Unternehmens oder Menschen, so verbessert sich sein Sachvermögen ganz von selbst«, fasste er seine Forschungen zusammen. »Verbessert man die geistigen Verhältnisse, verbessern sich automatisch die Innovationen. Nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Und mit der Qualität der Innovationen verbessern sich automatisch Nachfrage, Umsatz, Stückkosten, Gewinn, Liquidität, Macht.« Mewes stellte wiederholt die entscheidende Frage: »Wie verbessert man die geistigen Verhältnisse? Etwa so, wie man es auf unseren Schulen macht – oder ganz anders?« [Strategie-Journal, Heft 4, 2007, S. 10].

»Die Frage zu erforschen, wie man die geistigen Verhältnisse in einem Menschen, Unternehmen oder Staat am wirkungsvollsten verbessert, ist sehr viel wichtiger, als einzelne ›technologische Innovationen‹ zu fördern, wie man es heute tut«, resümiert Mewes, mit Rückblick auf jahrzehntelange Strategieforschung.

»Verbessert man die geistigen Verhältnisse in ihrer Gesamtheit, dann ergeben sich diese und die sehr viel wichtigeren Innovationen der menschlichen Zusammenarbeit von selbst. Verbessert man die geistigen Gesamtverhältnisse nicht, entwickeln sich nicht nur weniger, sondern auch die falschen Innovationen. […] Was die einen innovieren, stellen die anderen wieder in Frage, und man kommt trotz immer größerem geistigen Aufwand keinen Schritt voran« [Strategie-Journal, Heft 4, 2007, S. 10]. – Hat sich daran etwas geändert?

Sind Bilanz und GuV-Rechnung wirklich »harte Fakten«?

Manche sagen mir: »Das mit dem immateriellen Vermögen hört sich zu schwammig an, ich verlasse mich lieber auf ›harte Fakten‹ wie Bilanz und GuV-Rechnung«. Nun, echte Bilanzprofis – wie beispielsweise André Kostolany – tun etwas derart Gefährliches nicht: »Bilanzen sind ja generell falsch, gefälscht, fast immer frisiert«, schrieb Kostolany schon 1988 in seinem Buch »… und was macht der Dollar? Im Irrgarten der Währungsspekulationen« [Kostolany 1988]. (Hinweis: Für Bilanzprofis sind Bilanz und GuV-Rechnung nun mal keine »harten Fakten«, sondern eine retuschierte, zeitverzögerte Stichtagsaufnahme von materialisierten, realisierten »soft skills«, vgl. Wolfgang Mewes.)

Vielleicht, so überlege ich, ahnte Kostolany doch etwas präziser als viele andere, welches spezielle »Ungeist-Vermögen« hinter der jeweiligen handels- und steuerrechtlichen Manipulationsrichtung einer rein vergangenheitsorientierten Bilanz steht. Bilanzielle Expertise und implizite Könnerschaft kann darin bestehen, hinter den veröffentlichten Zahlen unterscheiden zu können: hohes strategisches »Geistvermögen« – oder akutes »Geist-Unvermögen«?

Vor allem dann, wenn ein börsennotiertes Unternehmen seine Wirtschaftsprüfer in die »Mandatzange« nimmt und unter »Testatdruck« setzt. – Hat sich daran schon etwas geändert? Ich meine – mit Blick auf die sog. »Bankenkrise« – am »Irrgarten der Währungsspekulationen«?

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Eingeordnet unter Innovationsmanagement, Strategieforschung

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