Das Innovationsdilemma


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»The Innovator’s Dilemma« [1997] heißt ein lesenswertes Buch von Prof. Clayton M. Christensen, das leider noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. »The Innovator’s Solution« [2003] heißt der Nachfolgeband, seit 2004 verfügbar unter dem Titel »Marktorientierte Innovation«. Wer jedoch nur diesen »Lösungsband« kennt, erfasst nicht auf Anhieb die Tiefe, Tragweite und Bedeutung des »Innovationsdilemmas«, das Christensen schon 1997 skizzierte.

Christensen unterscheidet anhand von Praxisbeispielen zwischen »evolutionären« und »revolutionären« Innovationen. »Bei einer evolutionären Innovation geht es darum, ein bereits eingeführtes Produkt zu verbessern« [Christensen 2004: 36-37]. Revolutionäre Innovationen hingegen – auch disruptive Innovationen genannt – zeichnen sich nach Christensen dadurch aus, dass die Geschwindigkeit, mit der meist Marktneulinge die Entwicklung dieser unerwarteten Produkte vorantreiben, die Fähigkeit der traditionellen Kundensegmente übersteigt, für diese Innovationen aktuell bereits einen Verwendungszweck zu haben.

Dieser Unterschied erklärt, »warum die marktbeherrschenden Unternehmen fast immer den Kampf um evolutionäre Weiterentwicklungen gewinnen, während eine erfolgreiche Markteinführung revolutionärer Produkte fast immer von Marktneulingen ausgeht« [Christensen 2004: 39].

Disruptive Kategoriensprünge

Christensen lokalisiert hier eine wesentliche Ursache für Innovationspleiten, Ideenbankrott und Insolvenzen großer Marktführer: Paradoxerweise verfügten sie über ein hochqualifiziertes Management, das auf seine aktuellen Kunden hörte und in bestmöglicher Weise ihren Erwartungen entsprechen wollte. Leider waren diese Unternehmen so sehr mit der »evolutionären« Qualitätsoptimierung ihrer gegenwärtigen Produkte, Prozesse und Wissenssysteme absorbiert, dass ihnen über dieser organisationalen Nabelschau die »revolutionäre« Metafähigkeit zum mentalen Ausstieg aus ihrem eigenen systemischen »Erfahrungsgefängnis« abhanden kam – und damit der schöpferische Blick auf neue potenzielle Zielgruppen und ihre latenten Bedürfnisse.

Organisationale Abhängigkeiten (z.B. Prinzipien der Ressourcenallokation) verstärkten sich verhängnisvoll mit betriebsinternen Systemgeflechten von »Abwehrmechanismen« für notwendige revolutionäre Innovationen, wie z.B. die Filterfunktionen des mittleren Managements, die Christensen kenntnisreich beschreibt (u.a. Karriereegoismen).

Fazit: Wissensarbeiter und wissensbasierte Organisationen, die ausschließlich in ihren bisherigen Kategorien denken, lernen, forschen und fragen – und immer nur ihre angestammten Zielgruppen befragen –, berauben sich langfristig ihrer kontraintuitiven Innovationsfähigkeit für revolutionäre Kategorienwechsel, disruptive Technologiesprünge und systemische Lern- und Wissensparadigmenwechsel. »Wer immer nur in Pferdekategorien denkt, wird nie die Entwicklung eines Autos zustandebringen« (Robert Freund).

»Evolutionäre« Managementmethoden wie TQM, KVP, Kaizen, ISO-Normungen, Lean Management, Business Reengineering etc. verfestigen nicht nur die tradierten Denkgrenzen der ausklingenden Industriegesellschaft, sie verhindern darüber hinaus die in Zukunft erforderlichen Kategoriensprünge, Systemwechsel und disruptiven, kreativen, »revolutionären« Innovationen.

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